Abtreibung

Abtreibung


In der Öffentlichkeit wird das Thema Abtreibung kontrovers diskutiert.

Ich finde es sehr schwer, bei diesem Thema gerecht zu bleiben1. Ein Beispiel :

Eine katholische Frau wird durch eine Vergewaltigung schwanger. Die katholische Kirche sagt zu dieser Frau : "Nein, du darfst nicht abtreiben !"
Ich finde, dass die Forderung der katholischen Kirche an die vergewaltigte Frau dieses Kind, das in Hass und Gewalt gezeugt wurde, auszutragen und zu gebären, eine ungeheuerliche Zumutung ist. Die Tatsache, dass diese Frau das Trauma der Vergewaltigung auch noch zu bewältigen hat, darf hier nicht außer Acht gelassen werden.
Jetzt werden die Abtreibungsgegner sagen : "Das Kind kann doch nichts dafür, dass es durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde. Dafür darf man es nicht zum Tode verurteilen." Ohne jeden Zweifel ist diese Argumentation richtig. Das Kind kann nichts dafür. Aber das macht die Sache nicht leichter, sondern komplizierter.

Wenn man gegenüber der vergewaltigten Frau gerecht sein will, dann muss man ihr auch die Erlaubnis geben abzutreiben. Ob sich die Frau dann dafür entscheidet, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Dann ist man aber gegenüber dem ungeborenen Kind ungerecht.
Will man gegenüber dem ungeborenen Kind gerecht sein, muss man die vergewaltigte Frau dazu zwingen, dieses ungewollte, vom einem verhassten Mann gezeugte, Kind auszutragen.
Egal wie man sich entscheidet, man ist immer einem von beiden gegenüber ungerecht.
An diesem moralische Dilemma kommt man nicht vorbei. Ich sehe auch keinen Ausweg aus diesem moralischen Dilemma.
Warum sollten die Interessen der vergewaltigten Frau weniger wiegen, als die Interessen des ungeborenen Kindes ?
Warum sollten die Interessen des ungeborenen Kindes weniger wiegen, als die Interessen der vergewaltigten Frau ?
Mit welchem Recht kann man den einen oder den anderen bevorzugen ?

Die Entscheidung, eine vergewaltigte Frau, gegen deren Willen, zu einer Schwangerschaft und Geburt zu zwingen, ist schon sehr fragwürdig.
Ob man dem ungeboren Kind damit wirklich einen Gefallen tut, ist ebenfalls fraglich.

Wie schon oben geschrieben, halte ich das für eine Zumutung. Erst wurde die vergewaltigt Frau zum Geschlechtsverkehr gezwungen und anschließend wird sie zu einer ungewollten Schwangerschaft und Geburt genötigt.

Sich auf der Forderung : " Gott ist gegen Abtreibung. Basta. " auszuruhen, ist schon sehr bequem. In Wahrheit werden hier nur die Interessen Gottes vertreten; nicht die des Kindes oder der Mutter. Den Pseudo-Moralisten ist das Kind und die Mutter im Grunde egal. Sie wollen nur ihre "Wahrheit" durchsetzen. Die Verantwortung auf Gott abzuwälzen kann jeder. Das war schon immer eine sehr beliebte Ausrede und "Entschuldigung". Moral ohne Herz ist gefährlich. Dann passiert es ganz schnell, dass selbsternannte "Lebensschützer" nicht mal vor Mord zurückschrecken. Siehe hierzu :

www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-11/usa-mehrere-verletzte-colorado-planned-parenthood*

www.welt.de/print-welt/article598720/Terror-Kampf-gegen-Abtreibung.html*

focus.de/panorama/welt/usa-abtreibungsarzt-in-kirche-erschossen_aid_404271.html*

www.sueddeutsche.de/panorama/usa-mord-an-abtreibungsarzt-der-pro-life-killer-1.441499*

Übrigens : Viele Staaten begründen ihre abtreibungsfeindliche Haltung mit dem Argument, dass sie das Leben schützen wollten. Gleichzeitig haben diese Staaten aber keine Probleme damit Kriege zu führen ! Und manche dieser Staaten haben sogar noch die Todesstrafe !!

Es gibt viele Gründe, warum Frauen meinen, abtreiben zu müssen. Ob alle dieses Gründe immer stichhaltig sind, ist mit Sicherheit fraglich. Alternativen zur Abtreibung gibt es auf jeden Fall ! Fest steht, dass für das ungeborenen Kind alles auf dem Spiel steht : Leben oder Tod.

Es gibt Frauen, die lieber das eigene Kind abtreiben, anstatt es zur Adoption freizugeben.
"Ich könnte es nicht ertragen, wenn da draußen ein Kind von mir herumläuft.", heißt es dann.
Solchen Frauen ist ein Grab lieber, als eine Chance auf ein glückliches Leben für das ungeborene Kind. Um sich selbst zu schonen, opfern die Frauen lieber das ungeborene Kind. Ich kann diese egozentrische Entscheidung nicht nachvollziehen - schon gar nicht in Anbetracht der Tatsache, dass es Ehepaare gibt, die gerne Kinder hätten, es aber aus medizinischen Gründen nicht können und gerne ein Kind adoptieren würden.

Dann gibt es noch Frauen, die nicht Abtreiben, aber dafür ihre Kinder aussetzen und billigend in Kauf nehmen, dass diese versterben.
Siehe hierzu : www.welt.de/print-wams/article613029/Warum-setzen-Muetter-ihre-Kinder-aus.html *

www.spiegel.de/panorama/justiz/mutter-wirft-baby-in-australien-in-abflussschacht-a-1004693.html *

Es gibt aber noch andere Fragen zum Thema Abtreibung.

Mir stellt sich die Frage, ob Abtreibung dafür da ist, die Schlamperei der Eltern in Sachen Verhütung auszubügeln ?

Mir stellt sich die Frage, wieso Abtreibung eigentlich nur eine Sache der Frauen sein soll ?
Wieso soll, nur und ausschließlich, die Frau das Recht haben, über Leben und Tod zu entscheiden ?
Es gibt schließlich Männer, die möchten gerne Kinder haben und Väter sein. Mit welchem Recht werden hier die Gefühle und Bedürfnisse der Väter vorsätzlich ignoriert ?
Wenn ein Mann eine Frau zur Abtreibung zwingt, dann ist die Gesellschaft sofort bereit, sich moralisch zu empören.
Wenn eine Frau gegen den Willen des Vaters das gemeinsame Kind abtreibt, dann reagiert die Gesellschaft mit - Schweigen.
Wer aber schweigt, der stimmt zu.
Was hat das mit Gleichberechtigung zu tun ?
Oder geht es hier gar nicht um Gleichberechtigung, sondern nur um Macht ?

Dann ist da noch der Streit um die Frage, wann beginnt eigentlich Leben und welche Rechte billigt man ihm zu. Die Abtreibungsgegner sehen in der befruchteten Eizelle schon eine eigenständige Persönlichkeit mit Recht auf Leben. Die Abtreibungsbefürworter sehen selbst im Fötus nur einen Körperteil der Mutter, so wie die Haare oder die Fingernägel.

Ich bin weder ein Abtreibungsbefürworter noch ein Abtreibungsgegner. Ich weiß nur, dass die Wirklichkeit viel zu kompliziert ist, für oberflächliche oder pauschale Entscheidungen. Hier muss der Einzelfall sehr genau betrachtet werden.
Dazu gehört, dass den Frauen, die ungewollt schwanger wurden, eine sachliche Beratung zur Verfügung gestellt wird, die Alternativen zur Abtreibung aufzeigt. Eine ergebnisoffene Schwangerschaftsberatung halte ich für sehr sinnvoll, weil dadurch verhindert wird, dass einsame Frauen einsame Entscheidungen treffen müssen. Denn einsame Entscheidungen sind selten gute Entscheidungen.

Bei der ganzen Diskussion um den Paragraphen 218 sollte eines nicht vergessen werden : Verbote lösen keine Probleme !

Es ist ebenfalls wichtig und notwendig, dass die Menschen eine richtige Sexualaufklärung erhalten, damit es gar nicht erst zu ungewollten Schwangerschaften kommt.

Diese Aufklärung muss folgende Punkte enthalten :

1. Wie und warum wird eine Frau schwanger
2. Welche Verhütungsmittel gibt es und wie werden sie angewandt.
3. Welche sexuell übertragbaren Krankheiten gibt und wie schützt man sich vor ihnen.
4. Was tun, wenn Frau doch unerwünscht schwanger wird.

Wer den Menschen die Sexualaufklärung verweigert und gleichzeitig Verhütungsmittel verbietet, provoziert doch geradezu Abtreibungen. Die Menschen haben einen Sexualtrieb, egal ob sie nun aufgeklärt sind oder nicht. An dieser biochemischen Tatsache ist nicht zu rütteln.
Werden die Menschen künstlich dumm gehalten und nicht aufgeklärt, wird es zwangsläufig zu unerwünschten Schwangerschaften kommen. Auf die unerwünschten Schwangerschaften folgen die Abtreibungen.
Durch eine fundierte Sexualaufklärung und die konsequente Anwendung von Verhütungsmitteln wird die Anzahl der Abtreibungen auf ein Minimum reduziert. Von einem generellen Verbot der Abtreibung halte ich gar nichts. Man erreicht damit nur zwei Dinge :
1. Reiche Frauen gehen ins Ausland, wo Abtreibungen legal sind.
2. Arme Frauen gehen in den Untergrund und lassen die Abtreibungen illegal machen.

Wer Abtreibungen verhindern will, muss die Menschen über Sexualität aufklären. Nur wer aufgeklärt ist, kann verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Verantwortungslose Menschen gab es, gibt es und wird es auch in Zukunft geben. An dieser Tatsache kann niemand etwas ändern. Aber nicht alle Menschen sind so. Viele Menschen wollen ihr Leben verantwortungsvoll führen und diesen Menschen muss, in Form von Aufklärung, geholfen werden.

Das man mit Sex viel Schaden anrichten kann, steht außer jeder Frage. Die offensichtlichsten Formen schädlicher Sexualität sind Vergewaltigung und die fahrlässige oder sogar vorsätzliche Verbreitung von Geschlechtskrankheiten.
Eine andere Form ist es, Kinder in die Welt zu setzen und sie dann sich selbst zu überlassen. Diese Art Verantwortungslosigkeit ist nicht nur schädlich für die betroffenen Kinder, sondern langfristig auch für die Gesellschaft.
Es hängt eben doch alles mit einander zusammen. Jeder ist für die Gesellschaft in der er lebt verantwortlich und das bedeutet, jeder ist für den anderen mitverantwortlich.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier auf Bienenvilla.com

Köln, 21.6.2016

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Wer gerecht sein will, der muss sich alle Aspekte eines Umstandes ansehen. Das ist eine mühevolle Arbeit, die viele Menschen scheuen, weshalb es auch so viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt. Die Welt in "nur Schwarz und Weiß" einzuteilen, ist viel bequemer.

*Stephan Potratz haftet nicht für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

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