Depression

Depression

Dieser Aufsatz richtet sich an Betroffene und alle die sich für das Thema Depression interessieren. Siehe hierzu bitte auch meine Aufsätze Antidepressiva und Psychotherapie.

Ich schreibe diesen Aufsatz nicht als Psychologe oder als Psychiater, sondern als Betroffener, der weiß, wovon er spricht. Ich kenne die Depression aus erster Hand - nicht aus einem Hörsaal oder einem schlauen Buch oder aus dem Internet. Ich weiß wie sich Depression anfühlt und das seit meinem 16ten Lebensjahr.

Leider gibt es herzlose Zeitgenossen, die ohne Fachkenntnis behaupten, psychische Erkrankungen wären nur eine billige Ausrede. Dem muss entschieden widersprochen werden. Für viele Menschen ist die Depression und andere psychische Erkrankungen eine reale Behinderung. Laut der "Stiftung Deutsche Depressionshilfe" sind ca. 3,2 Millionen Menschen im Alter von 18 - 65 Jahren an Depressionen erkrankt. Die Dunkelziffer liegt weit höher.

Was ist Depression ?

Das Gefühl der Traurigkeit hat jeder Mensch in seinem Leben schon irgendwann einmal erlebt. Aus Erfahrung wissen wir, dass das Gefühl der Traurigkeit auch wieder vergeht. Eine Depression ist eine chronische Traurigkeit, die von alleine nicht mehr vergeht. Eine Depression bedeutet :

- totale Freudlosigkeit
- das Gefühl der Hoffnungslosigkeit
- das Gefühl der Ausweglosigkeit
- das Gefühl der ständigen Müdigkeit
- das Gefühl der totalen Erschöpfung
- das Gefühl der Mutlosigkeit
- das Gefühl der Sinnlosigkeit
- die eigene Existenz und das eigene Handeln in Frage zu stellen
- das Gefühl mit dem Leben nicht mehr fertig zu werden

Es gibt noch mehr Symptome, vor allem weil die Depression oft mit anderen psychischen oder physischen Krankheiten einhergeht.

Es liegt klar auf der Hand, dass dieser Zustand sehr unangenehm ist.

Manchmal mündet eine Depression auch im Suizid, aber nicht zwangsläufig. Manche der Betroffenen sind viel zu traurig und zu kraftlos um sich selbst zu töten. Das heißt aber nicht, dass sie nicht leiden. Viele Depressive leiden stumm, ohne dass das soziale Umfeld etwas davon mit bekommt. Laut "Deutsches Bündnis gegen Depression e.V." sterben in Deutschland jährlich über 9.000 Menschen durch Suizid. Bei 90% der Suizidopfer lag eine psychische Erkrankung vor. 40 - 70 % davon waren depressiv.1

Eine sehr anschauliche Beschreibung der Depression finden Sie in dem Buch "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Stichwort : Die Sümpfe der Traurigkeit. Manche Depressive sind so traurig, dass sie nicht einmal mehr weinen können.

Für einen Menschen, der noch nie in seinem Leben eine Depression hatte, ist diese Art der chronische Traurigkeit nur sehr schwer verständlich. Umso wichtiger ist es, wenn die Personen, die von Depression keine Ahnung haben, ihre "Meinung" zu diesem Thema für sich behalten. Ihre unqualifizierten Kommentare sind weder angebracht noch hilfreich. Es sind nämlich die Depressiven die am meisten unter ihrer Erkrankung leiden. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass jeder Mensch an einer Depression erkranken kann, auch wenn das viele nicht wahr haben wollen.

Ich betone an dieser Stelle, dass Depression eine Krankheit ist und nichts anderes. Eine Krankheit die jeden treffen kann, egal ob jung oder alt, männlich oder weiblich, reich oder arm, klug oder dumm, erfolgreich oder erfolglos.

Depressive neigen dazu, das Leben als sinnlos zu betrachten. Tatsächlich macht es keinen Sinn, aus dem Bett aufzustehen, wenn das Leben sinnlos erscheint. Deshalb fällt es Depressiven so schwer, sich zu irgend etwas aufzuraffen. Dabei ist eine Tätigkeit, egal welche, ein wirksames Mittel gegen die Depression. Es macht für den Depressiven Sinn etwas zu tun, weil er dann sagen :

"Ich habe trotz der Depression etwas getan."

Man kann die Depression als einen Kampf gegen die Mutlosigkeit betrachten. Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation : Um gegen etwas anzukämpfen, braucht man Mut. Wenn man den nicht hat, hat man schon verloren. Der Depressive braucht also etwas, was er aufgrund seiner Mutlosigkeit nicht hat. Hätte er den Mut, wäre er nicht mutlos. So erhält sich die Depression selbst am Leben. Die Depression wird zu ihrer eigenen Ursache.

In diesem Zusammenhang rate ich dringend davon ab, Selbsthilfegruppen für Depressive zu besuchen. Da sitzen viele traurige Menschen, in einem traurigen Zimmer, bei kalter Neonbeleuchtung, erzählen sich traurige Geschichten und gehen trauriger nach Hause als sie es vorher waren. Das ist keine Psychotherapie, das ist Masochismus. Hier wird die Depression gehegt und gepflegt.

Ich weiß wie schwer es ist sich aufzuraffen und gegen den Widerstand der Depression ein Projekt zu beginnen. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich aber auch, dass es mir psychisch besser geht, wenn ich ein überschaubares Projekt abgeschlossen habe. Meine Depression verschwindet deshalb nicht, aber es hilft mir trotz der Depression zu leben.

Beginnen Sie ruhig mit kleinen, alltäglichen Sachen, wie Aufstehen, Zähneputzen und Duschen. Steigern Sie sich jeden Tag. Freuen Sie sich über kleine Erfolge und lassen Sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Jede Bewegung ist eine Bewegung gegen die Depression. Depression ist Stillstand. Wenn Sie jeden Tag nur einen Schritt machen, sind das am Ende des Jahres 365 Schritte.

Tun Sie etwas, egal was. Das kann ruhig etwas sein, das Ihnen Freude macht. Auch Depressive haben das Recht glücklich zu sein. Die eigene Existenz ist viel zu wertvoll, um lebenslang todunglücklich zu sein. Sie sind nicht wertlos, nur weil Sie unter einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden.

Ich habe seit geraumer Zeit den Verdacht, dass Depressive meinen, sie dürften nicht egoistisch sein. Sie meinen, sie dürften keine Forderungen an das Leben stellen. Durch das chronische Zurückstecken der eigenen berechtigten Wünsche und Bedürfnisse sinkt das Selbstwertgefühl und im gleichen Maße wächst die Depression. Deshalb sollten Depressive lernen, egoistisch zu sein und damit meine ich das Einfordern berechtigter Bedürfnisse.
Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen ist eine edle Charaktereigenschaft. Aber wer immer nur Rücksicht auf anderen nimmt, ist letzten Endes rücksichtslos sich selbst gegenüber. Und genau das feuert die Depression an.

Hier darf Egoismus nicht mit Egozentrik verwechseln werden.
Der Egoist setzt seine berechtigten Bedürfnisse durch, aber mit Rücksichtnahme auf die berechtigten Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen.
Ein Egozentriker setzt seine Bedürfnisse und Wünsche durch ohne Rücksicht auf die berechtigten Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen. Ganz nach dem Motto : Ich darf alles.
Deshalb werden Egozentriker auch nie depressiv.

Zum Abschluss rufe ich allen Depressiven dieser Welt zu :

Lasst euch nicht unterkriegen.

Macht euch nicht selbst fertig ; das tun schon andere für euch.


Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 16.12.2015

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Der deutsche Fußballtorwart Robert Enke beging im Verlauf seiner Depression am 10. November 2009 Suizid.
Der US-Amerikanische Schauspieler Robin Williams tötete sich selbst am 11. August 2014. Er litt ebenfalls unter einer Depression.

Laut "suizidpraevention-deutschland.de" nahmen sich im Jahre 2010 in Deutschland 10.021 Menschen selbst das Leben. Im gleichen Jahr starben

1.237 durch illegale Drogen
2.218 durch Mord und Totschlag
3.648 durch Verkehrsunfälle
ca. 550 an AIDS.

Jetzt könnte man die Frage stellen, ob der Tod durch legale und illegale Drogen nicht in Wahrheit einen sukzessiven Suizid darstellt.
Man könnte ebenso die Frage stellen, ob Suchterkrankungen nicht in Wahrheit psychische Erkrankungen sind.

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