Einsamkeit

Einsamkeit

Von dem englischen Schriftsteller John Donne1 stammt das Gedicht "Niemand ist eine Insel".
Ich muss dieser Behauptung widersprechen. Offenbar war John Donne in seinem Leben nie einsam oder aber er hat den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein nicht verstanden.

"Einsamkeit" ist ein psychologischer Zustand; kein geographischer oder physikalischer. Er bedeutet die völlige psychologische Abwesenheit sozialer Kontakte. "Alleinsein" ist ein geographischer und vorübergehender Zustand. Er bedeutet keinesfalls die psychologische Abwesenheit sozialer Kontakte.

Ich empfinde die Behauptung von John Donne, dass "niemand eine Insel sei" als sehr fragwürdig, angesichts der Tatsache, dass in Großstädten regelmäßig die Leichen von einsam verstorben Menschen gefunden werden - teilweise in gut mumifizierten Zustand.
Niemand hat gemerkt, dass diese Menschen verstorben sind.
Niemand hat diese Menschen vermisst.

Hier zwei Beispiele wie sich Einsamkeit anfühlt:

1. Sie finden sich plötzlich in einer fremden Stadt, in einem fremden Land wieder. Sie stehen in einer Menge von Menschen, deren Sprache Sie nicht verstehen und deren Sitten und Gebräuche ihnen völlig unbekannt sind. Sie haben keine Möglichkeit mit ihren bisherigen sozialen Kontakten in Verbindung zu treten.

2. Sie wurden das Opfer eines Gewaltverbrechens und niemand glaubt Ihnen. Sie kennen die Wahrheit aber niemand will das hören oder sehen.

Man kann das Thema Einsamkeit auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten :

Wenn du von einem einzigen Menschen als das erkannt wirst, was du wirklich bist, und wenn dieser Mensch deine Gefühle und die daraus resultierenden Handlungen versteht, dann und erst dann, bist du nicht einsam. Wenn du diesen Menschen nicht hast, dann bist du so einsam wie eine Insel im Pazifik. Aber diesen Menschen musst du erst einmal finden. Einen einzigen. Es gibt keine Garantie, dass du diesen Menschen findest. Es gibt keine Garantie, dass dieser Mensch überhaupt existiert. Man kann in einer Masse von Menschen stehen und trotzdem einsam sein.2

Geographisches Alleinsein bedeutet noch lange nicht Einsamkeit. Allein das Wissen, dass man soziale Kontakte besitzt und das man diese jederzeit erreichen kann, verhindert den Zustand der Einsamkeit. In diesem Zusammenhang bekommt das Handy eine besondere Bedeutung. Das Handy ist die psychologische Versicherung jederzeit und überall mit seinen sozialen Kontakten in Verbindung zu treten - vorausgesetzt man hat Empfang und der Akku ist voll.

"Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich keine Einsamkeit; denn du mein Handy bist bei mir, dein Empfang und deine Freundesliste trösten mich."3

Das Handy hat eine psychologische Wirkung. Allein die Gegenwart des Handys beruhigt dessen Besitzer. Früher haben sich die Menschen Talismane um den Hals gehängt um sich vor dem Bösen zu schützen. Heute soll das Handy diese Funktion übernehmen.

Das Alleinsein hat aber auch Vorteile.
- In der Stille des Alleinseins kann der Mensch ungestört in sich selbst horchen um sich selbst zu erkennen. Diesen Zustand nennt man auch Kontemplation.
- Alleinsein bedeutet Frieden, weil niemand da ist, mit dem man sich streiten könnte. Wir werden durch die Menschen verletzt, die wir nahe an uns heranlassen.
- Alleinsein bedeutet Freiheit, weil man auf niemanden Rücksicht nehmen muss.
- Im Zustand des Alleinseins kann man sich von seinen Mitmenschen erholen, denn der Umgang mit Menschen ist anstrengend.

In der Leistungsgesellschaft kann man sehr schnell vereinsamen, vor allem wenn man alt oder krank oder arm oder sonst wie anders ist. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Angesichts der Tatsache, dass es in unserer Gesellschaftsform so viel Einsamkeit gibt, frage ich mich, ob wir moderne Menschen überhaupt noch wissen was soziales Leben wirklich bedeutet. Aber vielleicht muss man sich über diese Entwicklung gar nicht wundern, denn in einer Gesellschaftsform in der nur noch das Geld zählt, ist soziales Verhalten tatsächlich nicht mehr wichtig.
"Wozu brauche ich Freunde wenn ich Geld habe."

Ich frage mich schon seit langem, ob wir Menschen noch artgerecht leben und ob unser Way-of-Life uns nicht mehr schadet als nutzt.

Kein Mensch sollte eine Insel sein.
Die Realität sieht oft anders aus.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 20.5.2016

Anmerkungen und Ergänzungen

1 John Donne, englischer Schriftsteller, geboren am 22. Januar 1572 in London; gestorben am 31. März 1631 ebenfalls in London.

2 Wenn du merkst, dass du der Welt völlig egal bist, dann weißt du, was Einsamkeit ist.

3 Ich hoffe, dass mir die Christen die Zweckentfremdung des Psalms 23:4 nicht übel nehmen. Es sollte aber klar sein, dass ich mich hier über Handybesitzer lustig mache und nicht über die Christen und ihren Glauben.

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