Gedanke und Ausdrucksform

Gedanke und Ausdrucksform



Gedanke und Ausdrucksform

Während ich meine Texte schrieb und später dann vertonte, merkte ich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man seine Gedanken

- nur denkt
- aufschreibt
- ausspricht
- oder einem anderem Menschen direkt mitteilt.

Wenn ich einen Gedanken nur denke, dann gehört dieser Gedanke nur mir. Ich kann diesen Gedanken verkürzen, erweitern, verändern oder fallen lassen. Ich habe die totale Kontrolle über diesen Gedanken und wenn ich will, dann wird die Welt niemals von diesem Gedanken erfahren.

Wenn ich diesen Gedanken aufschreibe, dann muss ich aus Lauten Wörter bilden, aus Wörtern Sätze, aus Sätzen Absätze und so weiter. Nach festgesetzten Regeln übersetze ich meinen Gedanken in Schrift. Dabei muss der Text so formuliert sein, dass der Leser meinen Gedanken so versteht, wie ich ihn gemeint habe. Ich bringe meinen Gedanken in einen materiellen Zustand. Er hat meinen Körper verlassen. Jetzt gehört mir dieser Gedanke immer noch, denn ich bin nicht verpflichtet diesen Gedanken zu veröffentlichen. Prinzipiell können aber alle Menschen diesen Gedanken lesen, auch wenn ich schon lange tot bin.

Wenn ich meinen Gedanken laut ausspreche und aufnehme, habe ich immer noch unter Kontrolle, ob und wann ich diesen Gedanken veröffentliche.
Normalerweise hört man seine eigene Stimme nicht so, wie andere Menschen sie hören. Die einzige Möglichkeit die eigene Stimme so wahrzunehmen wie andere Menschen es tun, besteht darin sie aufzunehmen. Die eigene Stimme jetzt zu hören, ist schon ein Erlebnis. Tonaufnahmen sind wie eine akustischer Spiegel. Ich höre meinen eigenen Gedanken so, wie andere Menschen ihn hören können. Ich "verlasse" sozusagen meinen Körper und nehme eine völlig neue Perspektive ein.

Wenn ich meinen Gedanken einem anderen Menschen mitteile, dann gehört mir dieser Gedanke nicht mehr allein. Ich teile meinen Gedanken. Ich verliere einen Teil der Kontrolle über meinen Gedanken, denn der andere Mensch kann diesen Gedanken, vorsätzlich oder versehentlich, fehlinterpretieren. Ich liefere mich ein Stück weit aus.
Es kann sein, dass der andere Mensch meinem Gedanken zustimmt.
Es kann sein, dass der andere Mensch meinen Gedanken ablehnt.
Es kann sein, dass der andere Mensch zu meinem Gedanken gar keine eigene Meinung hat.
Es kann sein, dass der andere Mensch zu meinem Gedanken weitere Gedanken hinzufügt, die ihrerseits weitere Gedanken in mir auslösen.

Die eigenen Gedanken mit den Menschen zu teilen ist immer ein Risiko.
Spätestens dann fragt man sich, ob es nicht besser ist den Mund zu halten.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

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