Gestaltung

Sehr geehrte Damen und Herren

Wenn ich den Menschen meine Photographien zeige, dann bekomme ich oft den Satz zu hören :"Sie haben bestimmt eine sehr gute Kamera."
Ich muss dann immer gequält lächeln. Warum ? Weil jede Kamera nur ein dummes Werkzeug ist, genauso wie ein Hammer, ein Pinsel oder ein Bleistift. Jede Kamera ist nur so gut wie der Mensch der hinter ihr steht. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kamera billig oder teuer, digital oder analog, kleinformatig oder großformatig ist. Worauf es ankommt ist die Bildgestaltung.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Potratz

Richtlinien

Mit dieser Tabelle möchte ich Ihnen meine Richtlinien zeigen, die ich mir selbst im Laufe von 27 Jahren selbst erworben habe und bis heute gut gefahren bin. Ich spreche hier ganz bewußt von Richtlinien und nicht von Gesetzen. Meine Richtlinien passen auf die allermeisten Objekte die man photographieren kann und sollen für Sie Orientierung und Anregung sein.

Übrigens: Welchen Einfluß Brennweiten auf die Bildgestaltung haben sehen Sie unter Brennweiten.

Hoch zu Hoch...

Objekte die eher hochformatig sind photographiere ich meistens im Hochformat.

Übrigens, achten Sie bitte darauf, daß das Objekt immer einen gewissen Abstand zum Bildrand hat. Ein Objekt. daß in das Format "hinein gequetscht" wird, macht das Bild insgesamt kaputt. ( Es gibt allerdings auch eine Ausnahme. Siehe hierzu weiter unten das Stichwort "Struktur".)

Der hochformatige Quader

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...und Quer zu Quer

Objekte die eher querformatig sind photographiere ich meistens im Querformat.
Bei dieser Richtline wird das Objekt und nur das Objekt betont.

Der querformatige Quader

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Man kann sich daran halten, muss es aber nicht. Durch die Invertierung dieser Richtlinie wird das Objekt in Bezug auf den Hintergrund gesetzt. Ein querformatiges Objekt im Hochformat abzubilden mache ich selten. Es sieht unharmonisch aus.
Andererseits bietet dieser Art der Abbildung Platz für eine Überschrift und eine Beschreibung darunter, die man später hinzufügen kann.

Der querformatige Quader in der Landschaft

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Ein hochformatiges Objekt im Querformat abzubilden geht schon eher. Generell kommt das Querformat dem menschlichen Empfinden sehr entgegen weil das Sichtfeld der Augen horizontal ausgerichtet ist.

Der hochformatige Quader in der Landschaft

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Dezentral

Das Objekt muss sich durchaus nicht in der Mitte des Bildes befinden. Das Objekt wird nicht mehr so stark betont, obwohl es das Bild immer noch dominiert. Weil dieser Hintergrund nichts zu bieten hat, wandert das Auge automatisch zum Objekt hin. Ein ruhiger Hintergrund betont ohnehin jedes Objekt, weil es von diesem nicht ablenkt.

Der hochformatige Quader und die Weite

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Jetzt wirkt der Quader ganz klein.

Der hochformatige Quader und die Höhe

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Meistens photographiere ich Objekte etwas gedreht zur Kamera. Das Objekt sieht dadurch attraktiver aus. Man kann das Objekt aber auch wie auf dem Beispiel rechts abbilden. Dann sieht das Objekt aus wie auf einer technischen Zeichnung. Nicht besonders schön, aber für dokumentarische Zwecke absolut angemessen. Fehlt nur noch ein Maßstab. Das Perspektivische geht dabei allerdings völlig verloren.

Holzquader

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Obwohl es immer der selbe Hintergrund und der selbe blöde Holzklotz ist, sieht man doch an diesen Beispielen, wie man mit Bildgestaltung völlig unterschiedliche Bildwirkungen erzielen kann. Über die Bildgestaltung entscheiden aber Sie, nicht die Kamera. Bis heute gibt es keine Kamera auf der Welt, die Ihnen diese Entscheidung abnimmt. Elektronischer Helfer wie Belichtungsautomatik und Autofokus sind komfortabel, aber sie ersetzen nicht das bewußte Sehen des Photographen.

Betonung

Es gibt drei Arten ein Objekt zu betonen :

1. durch geringe Tiefenschärfe
2. durch Farbe/Kontrast
3. durch Licht

Selbstverständlich ist auch eine Kombination von zwei oder sogar drei dieser Fakroren möglich.
Bitte vergleichen Sie die beiden nun folgenden Bilder.
Auf der linken Photographie ist nur der mittlere Dominostein betont. Der Mittelgrund ist scharf, während Vorder- und Hintergrund unscharf sind. Insgesamt hat dieses Bild etwas traumartiges.
Auf der rechten Photographie sind alle drei Dominosteine betont. Dieses Bild ist eher sachlich.
Auch wenn beide Photographien fast identisch sind, sind doch die Aussagen beider Bilder völlig unterschiedlich.
Siehe hierzu bitte auch Blende und Tiefenschärfe.

Der Dominostein

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Die Dominosteine

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Man kann ein Objekt auch durch Farbe betonen. Der elfenbeinfarbene Stein sticht in der ansonsten monochromatischen Umgebung besonders deutlich hervor. Das Photo links ist zwar gestellt, aber manchmal kann man so etwas auch in der Natur finden. Zum Beispiel eine Mohnblume in einem Kornfeld.

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Ein typisches Beispiel der Betonung durch Licht, ist die Gegenlichtaufnahme. In dieser Aufnahme habe ich das Blitzlicht hinter der Murmel aufgestellt. Dadurch leuchtet die Glaskugel auf.

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Perpektive

Die Vogelperspektive...

...auch Luftperspektive genannt, entsteht wenn man von einem erhöhten Standort nach unten photographiert. Satellitenbilder werden typischerweise immer aus der Vogelperspektive gemacht.

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Die Zentralperspektive...

...entspricht dem menschlichen Erleben. Die optische Achse der Kamera ist dabei ziemlich horizontal ausgerichtet.

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Die Froschperpektive...

...entsteht automatisch wenn Sie Objekte photographieren, die wesentlich größer sind als Sie. Man kann die Froschperspektive aber auch künstlich erzielen, in dem man einfach in die Hocke geht oder sich flach auf den Boden legt.

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Struktur

Zweidimensionale, sich wiederholende Elemente können durchaus ein lohnendes Motiv sein. In diesem Fall müssen Sie nicht auf einen Abstand zum Bildrand achten.

Auf dem Bild rechts sehen Sie Corian-Musterplatten.

Darunter noch zwei weitere Beispiel von Struktur.

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Metall-Musterplatten

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Maserung der Eiche

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Ich kann in diesem Artikel nicht auf alle Gestaltungsmöglichkeiten eingehen, zumal die digitalen Bildverarbeitung noch ganz andere Möglichkeiten der Gestaltung bietet.
Gute Photos sind selten ein Produkt des Zufalls. So wie vieles im Leben ist auch die Photographie Übungssache. Lassen Sie sich durch Fehlschläge nicht entmutigen. Im Gegenteil : Experimentieren Sie ruhig mit der Kamera. Photographieren Sie ein Objekt aus verschiedenen Perspektiven. Probieren Sie andere Brennweiten aus.
Vorallem photographieren Sie bewußt.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Potratz