Grau und die Normopathen

Grau und die Normopathen

eine Fabel

von

Stephan Potratz

erschienen auf Bienenvilla.com

Köln, 2015

Begegnung in der Einöde

Ein schwarzer Stein und ein weißer Stein begegneten sich in der Einöde. Der eine Stein war weiblich, der andere männlich. Einsam waren sie durch die Einöde gewandert, ohne zu wissen, wohin sie ihre Wege führen würden. Sie waren unterschiedlich, aber keiner von beiden war besser oder schlechter als der andere.
Sie hätten einfach aneinander vorbei gehen können.
Sie hätten einander bekämpfen können, bis einer oder beide gestorben wären.
Aber das taten sie nicht.
Sie vertrugen sich und beschlossen zusammen zu leben.

Der kleine Grau und seine Eltern

Der schwarzer Stein und der weißer Stein zeugten ein Kind. Aus Freude über die Geburt, pflanzten sie zwei rote Bäume. Weil dieses Kind eine graue Farbe hatte, nannten sie es einfach "Grau".
Sie waren die besten Freunde ihres gemeinsamen Kindes.
Sie erklärten ihm die Welt und zeigten ihm, wie man in ihr zurechtkommt.
Sie achteten seine Gefühle und Bedürfnisse.
Sie ermutigten ihn, wenn ihm etwas misslang.
Wenn sie Mangel litten, halfen sie ihm diesen zu ertragen.
Für Grau war es ganz normal, zwei verschieden farbige Eltern zu haben. Es war für Grau so selbstverständlich, dass es ihm gar nicht auffiel.

Grau verlässt seine Eltern

So erlebte Grau eine glückliche Kindheit. Er wuchs zu einem stattlichen Stein heran.
Eines Tages sagte Grau zu seinen Eltern : "Ich möchte wissen, was sich jenseits der roten Bäume befindet."
Seine Eltern hatten Verständnis für seinen Wunsch. Aber sie waren auch traurig darüber, dass er sie verlassen wollte. Bevor Grau in die Welt hinaus zog, sagten seine Eltern zu ihm : "Kind, denke immer daran, man trampelt nicht ungestraft auf den Gefühlen und Bedürfnissen empfindungsfähiger Lebewesen herum. Trage das Leben, die Liebe und Freundschaft in die Welt hinaus." So verließ Grau seine Eltern.
Zum Abschied riefen sie ihm zu : "Was auch immer passiert, wir haben dich lieb."

Der Stamm der weißen Steine

Zunächst begegnete Grau den weißen Steinen. Er hatte keine Scheu vor ihnen, denn schließlich war ein Elternteil von ihm auch ein weißer Stein. Grau freute sich sogar diese Steine kennenzulernen. Die weißen Steine umringten einen der ihren, der auf einem Podest stand. Dieser brüllte :

"Tötet alle Unnormalen ! Unnormal sind alle schwarzen Steine. Sie sind an allem Schuld. Wir sind die Normalen. Die Normalen sind die Hochwertigen. Die Unnormalen sind die Minderwertigen. Deshalb haben wir das Recht und die Pflicht die Unnormalen auszurotten. Unser Schöpfer will es! "

Begeistert jubelte die Menge dem Redner zu. Nicht ein einziger widersprach.

Diese Szene erschreckte Grau.
Grau fragte die weißen Steine : "Warum seit ihr so wütend auf die schwarzen Steine ?"
Die weißen Steine antworteten :"Die schwarzen Steine sind so ganz anders wie wir. Deshalb hassen wir sie. Wir müssen sie vernichten bevor sie uns vernichten. Deshalb führen wir seit Generationen Krieg gegen sie." Grau hatte keine genaue Vorstellung davon, was Krieg eigentlich bedeutet. Er ahnte aber, dass es etwas sehr hässliches sein musste. Grau fragte : "Warum hat der Krieg begonnen ?"
Die weißen Steine antworteten : "Wir wissen es nicht mehr."
Grau fragte : "Wann hat denn der Krieg begonnen ?"
Die weißen Steine antworteten : "Wir wissen es nicht mehr. Seit wir denken können, gab es den Krieg. Der Krieg ist Teil unseres Lebens. Für uns ist der Krieg normal. Wir kennen es gar nicht anders. Etwas anderes können wir uns gar nicht vorstellen. Wir haben den Hass von unseren Eltern geerbt und wir werden den Hass an unsere Kinder weiter vererben.
Aber das verstehst du nicht. Du bist keiner von uns."

Verstört verließ Grau den Stamm der weißen Steine.

Der Stamm der schwarzen Steine

Grau begegnete schließlich den schwarzen Steinen. Er hatte keine Scheu vor ihnen, denn schließlich war ein Elternteil von ihm auch ein schwarzer Stein. Grau freute sich diese Steine kennenzulernen. Die schwarzen Steine umringten einen der ihren, der auf einem Podest stand. Dieser brüllte :

"Tötet alle Unnormalen ! Unnormal sind alle weißen Steine. Sie sind an allem Schuld. Wir sind die Normalen. Die Normalen sind die Hochwertigen. Die Unnormalen sind die Minderwertigen. Deshalb haben wir das Recht und die Pflicht die Unnormalen auszurotten. Unser Gott will es! "

Begeistert jubelte die Menge dem Redner zu. Nicht ein einziger widersprach.

Diese Szene erschreckte Grau noch mehr.
Er fragte die schwarzen Steine : "Warum seit ihr so wütend auf die weißen Steine ?"
Die schwarzen Steine antworteten : "Die weißen Steine sind so ganz anders wie wir. Deshalb hassen wir sie. Wir müssen sie vernichten bevor sie uns vernichten. Deshalb führen wir seit Generationen Krieg gegen sie." Grau fragte : "Warum hat der Krieg begonnen ?"
Die schwarzen Steine antworteten : "Wir wissen es nicht mehr."
Grau fragte : "Wann hat denn der Krieg begonnen ?"
Die schwarzen Steine antworteten : "Wir wissen es nicht mehr. Seit wir denken können, gab es den Krieg. Der Krieg ist Teil unseres Lebens. Für uns ist der Krieg normal. Wir kennen es gar nicht anders. Etwas anderes können wir uns gar nicht vorstellen. Wir haben den Hass von unseren Eltern geerbt und wir werden den Hass an unsere Kinder weiter vererben.
Aber das verstehst du nicht. Du bist keiner von uns."

Verstört verließ Grau den Stamm der schwarzen Steine.

Die Ebene des Todes

Grau gelangte auf eine Ebene, auf der kurz zuvor noch der Krieg getobt hatte. Überall lagen die unbestatteten Leichen von schwarzen und weißen Steinen, in ihrem eigenen roten Blut. Nichts rührte sich. Kein Laut. Nur aus der Ferne hörte Grau ganz leise ein Weinen.

Waren es die Mütter ?
Waren es die Väter ?
Waren es die Brüder ?
Waren es die Schwestern ?
Waren es die Frauen ?
Waren es die Männer ?
Waren es die Kinder ?

Grau wusste es nicht. Er spürte nur, wie zum ersten mal in seinem Leben, sein Herz sehr, sehr schwer wurde. Ein Entsetzen machte sich in ihm breit, dass er nicht mehr ertragen konnte. So schnell er konnte verließ er die Ebene des Todes.

Grau sucht die Einsamkeit

Grau wollte weder mit den schwarzen noch mit den weißen Steinen etwas zu tun haben. Der Hass und die Gewalt hatten ihn zutiefst verstört. Er verstand die Welt nicht mehr. Wie betäubt irrte er ziellos durch die Einöde. Lange Zeit verbrachte er dort ganz allein und das war auch gut so, denn er brauchte die Zeit und die Einsamkeit um seinen inneren Frieden wiederzufinden.

Die weißen Außenseiter

Nach langer Zeit begegnet Grau einer Gruppe von weißen Steinen.
"Warum seit ihr nicht bei eurem Stamm ?" fragte Grau. Die Gruppe antwortete : "Wir konnten den Hass und die Gewalt nicht mehr ertragen. Wir wollten den ewigen Kreislauf aus Vergeltung und Gegenvergeltung endlich beenden. Wir wollten den Frieden mit den schwarzen Steinen. Da wurden wir von unserem Stamm ausgegrenzt. Jetzt suchen wir nach Gleichgesinnten. Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, frei von Hass und Gewalt."

Als Grau diese Worte hörte, keimte Hoffnung in ihm. Doch zunächst trennte er sich von den weißen Außenseitern. Er versprach aber, mit ihnen in Kontakt zu bleiben.

Die schwarzen Außenseiter

Kurz darauf begegnet Grau einer Gruppe von schwarzen Steinen.
"Warum seit ihr nicht bei eurem Stamm ?" fragte Grau. Die Gruppe antwortete : "Wir konnten den Hass und die Gewalt nicht mehr ertragen. Wir wollten den ewigen Kreislauf aus Vergeltung und Gegenvergeltung endlich beenden. Wir wollten den Frieden mit den weißen Steinen. Da wurden wir von unserem eigenen Stamm ausgegrenzt. Jetzt suchen wir nach Gleichgesinnten. Wir wollen einen neuen Stamm gründen, frei von Hass und Gewalt."

Als Grau diese Worte hörte, keimte noch mehr Hoffnung in ihm und er sagte : "Ich habe eine Gruppe von weißen Steinen getroffen, die die selben Ansichten haben wie ihr. Sie wurden genauso ausgegrenzt wie ihr. Wenn ihr möchtet, bringe ich euch zu ihnen." Begeistert willigten die schwarzen Steine ein.

Hoffnung in der Einöde

Grau führt die beiden Außenseiter-Gruppen zusammen. Lange Zeit sprachen die schwarzen und die weißen Steine miteinander und stellten fest, dass sie sehr viele Gemeinsamkeiten hatten. Es wurden Freundschaften geschlossen. Sie beschlossen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, um dem Frieden und den Kindern eine Chance auf Leben und Zukunft zu geben.

Heimkehr

Grau kehrte, zusammen mit den beiden Außenseiter-Gruppen, zu seinen Eltern zurück. Diese freuten sich sehr, ihr Kind endlich wiederzusehen. Zusammen mit den anderen Steinen, feierten sie ein großes Fest.
Grau erzählte von seinen Erlebnissen. Er sagte zu seinen Eltern :"Ich habe gesehen, was passiert, wenn die Gefühle und Bedürfnisse empfindungsfähiger Lebewesen missachtet werden. Ich habe das Leben, die Liebe und Freundschaft weiter getragen." Graus Eltern waren sehr stolz auf ihr gemeinsames Kind.

Ein neuer Anfang

Die schwarzen und die weißen Steine gründeten einen neuen Stamm. Sie nannten sich selbst "Die Monochromen".

Zur Gründung ihres neuen Stammes verkündeten die Monochromen :

"Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Steine gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Für alle Monochromen soll gelten : Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit."

Sie zeugten auch Kinder. Manche Kinder waren grau, andere weiß und noch andere schwarz. Aber nie wurde ein Stein wegen seiner Farbe gehasst oder ausgegrenzt. Die Liebe und Freundschaft waren ihnen sehr wichtig. Für die Kinder war es völlig normal verschieden farbige Eltern, Geschwister und Freunde zu haben. Es fiel ihnen gar nicht auf. Regelmäßig hielten die Monochromen in der Einöde Ausschau nach Steinen, die bereit waren sich ihnen anzuschließen. Aber sie fanden nur selten einen Stein. Die Monochromen lebten glücklich und in Frieden, frei von Hass und Fanatismus.

Was aus dem schwarzen und dem weißen Stamm wurde ? Nun, sie bekriegten sich weiter, bis kaum noch einer von ihnen lebte. Diese wenigen irrten einsam in der Einöde bis auch sie eines natürlichen Todes starben. Damit hatten sie ihre eigene Zukunft vernichtet.

Ende