Oberflächlichkeit

Oberflächlichkeit

Oberflächlichkeit

Eine Satire von Stephan Potratz
Erschienen aufBienenvilla.com

Ach Oberflächlichkeit, du bist ja so schön bequem.

Wer oberflächlich ist hat viele Vorteile :

Man muss nicht mehr nachdenken.
Man muss nicht mehr genau hinsehen.
Man muss nicht mehr genau zuhören.
Man muss nicht mehr Texte genau durchlesen.
Man muss nichts mehr in Frage stellen, schon gar nicht sich selbst.
Für den Oberflächlichen ist die Welt ganz einfach. Die Welt ist nur schwarz oder weiß.
Deshalb ist der Oberflächliche auch so zufrieden mit sich selbst. Für ihn gibt es keine Zweifel, schon gar nicht an sich selbst. Er ist immer richtig. Falsch sind immer nur die anderen.

Der Oberflächliche ist auch immer sehr schnell mit seinen Beurteilungen, besonders über Menschen die er kaum kennt. Diese "Bewertungen" stehen dann aber für alle Ewigkeit fest. Oberflächliche sind sehr stolz auf ihren Starrsinn, den sie selbst als "Standhaftigkeit" bezeichnen.

Der Oberflächliche bewertet Mitmenschen gerne nach oberflächlichen Kriterien. Also, Dinge die man leicht sehen kann, wie z. B. Kleidung, Schmuck, teure Autos und anderen materiellen Unsinn. Wer reich ist, wird bewundert. Wer arm ist, wird verachtet. Der Oberflächliche "denkt" gerne in Klischees.

Weil der Oberflächliche keine Zweifel an sich selbst hat, ist er auch immer so selbstsicher. Das Maul wird hemmungslos aufgerissen, auch wenn wenn der Oberflächliche keine Ahnung hat. Der Oberflächliche schwätzt gerne über oberflächliche Themen. Er zerreißt sich gerne das Maul über andere, hinter deren Rücken. Er plappert hirnlos nach, was andere Oberflächliche gesagt haben. Der Oberflächliche meint: "Wer eine große Klappe hat, ist super."

Die Lebensgestaltung ist für den Oberflächlichen ganz simpel : Er kopiert einfach den Lebenslauf seiner Eltern. Es wird nichts wirklich neu gemacht, sondern nur wiederholt. Damit ist der Oberflächliche zufrieden, denn wenn der Oberflächliche etwas hasst, dann ist es nachdenken und lernen zu müssen.

Wenn der Oberflächliche in einem totalitären Staat lebt, ist es ihm herzlich egal, wenn dieses System Menschen ermordet. Es ist ihm auch egal, aus welchen Gründen Menschen ermordet werden. Es ist ihm ebenfalls egal, in welchen Quantitäten Menschen ermordet werden. Das will er alles gar nicht wissen. "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß." Nur wenn es um den eigenen Profit geht, da ist der Oberflächliche plötzlich hellwach und aufgeregt. Wenn es ums Geld geht ist der Oberflächliche sofort zur Stelle.

Auch der Kapitalismus möchte, dass wir oberflächlich sind, damit wir schön brav jeden Mist konsumieren, den man uns vorsetzt. Wir sollen nicht kritisch sein, schon gar nicht mit uns selbst. Das schmälert doch nur den Profit. Wir sollen hirnlos/reflexhaft konsumieren.

"Halt die Schnauze und konsumiere !"

Auch die Kunst hat sich von der Oberflächlichkeit vereinnahmen lassen. Produziert wird nur noch Kunst die nichts aussagt, eine Kunst die nirgendwo aneckt. Gegenstandslos. Meinungslos. Belanglos. Schön bequem für alle Beteiligten. Gut für das Geschäft, denn in der Kunst geht es auch nur ums Geld. Da es keine allgemein verbindliche Definition des Begriffes Kunst gibt, kann jeder Kunst nach seinen egoistischen Wünschen und Bedürfnissen frei interpretieren. Man muss den Leuten nur noch vorgaukeln, dass man ein großer Künstler ist. Dann kann man den Oberflächlichen wirklich jeden Scheiß verkaufen. Nur eines ist bei einem "Kunstwerk" wichtig : Hauptsache groß. Oberflächliche Kunst für eine oberflächliche Gesellschaft. Die Gesellschaft bekam was sie bestellte.

Oberflächlichkeit erfreut sich großer Beliebtheit in allen Bildungs-, Gesellschafts-, und Einkommensklassen. Bei Mann und Frau, bei jung und alt.

Millionen von oberflächlichen Menschen können sich nicht irren. Kaufen Sie sich noch heute eine große Portion Oberflächlichkeit. Sie werden es nicht bereuen.

Ach Oberflächlichkeit, du bist ja so schön bequem.

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