Prostitution

Prostitution

Bevor ich mit meinem Aufsatz beginne, möchte ich ein paar Dinge klarstellen.
Ich benutze den Begriff "Prostituierte", weil er sachlich und wertneutral ist.
Mir ist bewusst, dass Prostituierte nicht gleich Prostituierte ist. Zwischen den Prostituierten gibt es himmelweite Unterschiede was die Motive, die Arbeitsbedingungen und die Verdienstmöglichkeiten anbelangt. Das Spektrum reicht von der gut bezahlten Edelprostituierten, wie zum Beispiel Rosemarie Nitribitt*, bis hin zur drogenabhängigen Straßenprostituierten, deren Leiche in einer öffentlichen Toilette gefunden wird.
Mir ist ebenfalls bewusst, dass es nicht nur weibliche Prostituierte gibt.
Deshalb schreibe ich hier nur sehr allgemein.
Ich selbst habe nie die Dienste einer Prostituierten in Anspruch genommen, noch werde ich das in Zukunft tun. In diesem Text erkläre ich auch warum.

Mein Vater hat immer behauptet :"Jeder Mann geht zur Prostituierten." Ich glaube nicht, dass alle Männer zu Prostituierten gehen und schon gar nicht regelmäßig.
Im weiteren Verlauf werde ich deshalb nur von Freiern schreiben.

Wenn ein Freier zu einer Prostituierten geht, dann bezahlt er eine Frau dafür, dass sie ihm Zuneigung und Geilheit für eine begrenzte Zeit heuchelt. Insofern ist der Gang zur Prostituierten Selbstbetrug, weil es sich nicht um echte Zuneigung handelt, sondern um simulierte. Da es sich hier um Sex ohne Liebe handelt, sollte man eine Prostituierte eher als Masturbation-Assistentin bezeichnen. Ich denke, viele Männer werden von dieser Tatsache abgeschreckt.

Warum machen das die Freier ? Ich denke, es gibt da mehrere Motive :

1. Der Freier ist einfach zu dumm, um zu merken was er da macht.

2. Der Freier ist so verroht, dass es ihm völlig egal ist.

3. Der Freier will damit prahlen, dass er sich die teuersten Prostituierten leisten kann. Es stellt sich die Frage, ob es hier tatsächlich um Sex geht.

4. Der Freier hat gar keine andere Chance an Sex zu gelangen, weil er zu hässlich oder zu ungeschickt oder zu alt ist.

5. Der Freier hat die Überzeugung, dass alle Frauen Prostituierte sind. Der Unterschied liegt nur im Preis und in der Anzahl der Freier begründet.

6. Der Freier will nicht tage-, wochen- oder monatelang um die Gunst einer Frau werben, um dann vielleicht Sex mit ihr zu haben. Das Motiv ist also Bequemlichkeit.

7. Der Freier sucht einen Gesprächspartner. Hier wird die Prostituierte als Psychotherapeutin zweckentfremdet. Manche Prostituierte ist von solchen Kunden schon genervt.

8. Der Freier hat extrem ausgefallene Wünsche, z. B. Sado-Maso-Praktiken.

9. Der Freier hat Angst vor Nähe. Das klingt zwar widersprüchlich, aber man muss hier zwischen psychischer und physischer Nähe unterscheiden. Wenn der Geschlechtstrieb stärker ist als die Angst vor psychischer Nähe, dann ist es sehr wohl möglich Sex zu haben. Es könnte sein, dass Prostituierte ebenfalls Angst vor psychischer Nähe haben !
Es gibt auch Menschen, für die Sex nichts intimes darstellt, sondern nur ein oberflächliches Vergnügen, so wie Eis essen oder Karussell fahren. Sex ist Charaktersache. So wie der Charakter eines Menschen, so auch sein Umgang mit Sexualität.

10. Der Freier sucht ein Mordopfer. Siehe hierzu : Jack the Ripper. Hier ist das Motiv allerdings Rache an Prostituierten oder an Frauen generell. Prostituierte sind leider "beliebte" Mordopfer.

Es gibt die Meinung, dass Prostitution Vergewaltigungen vorbeugen würde. Ich widersprechen aus drei Gründen :

1. Das Motiv für Vergewaltigung ist Hass - nicht Geilheit.
2. Prostituierte werden selbst oft genug Opfer von Sexualverbrechern.
3. Die meisten Vergewaltigung finden im nahen sozialen Umfeld statt.

Ich denke, dass alle Freier eines gemeinsam haben : Keiner von ihnen hat jemals in seinem Leben wertschätzende, akzeptierende Liebe von Seiten einer Frau, allen voran die eigene Mutter, erfahren. Hätten die Freier jemals wertschätzende, akzeptierende Liebe von Seiten einer Frau erlebt, würden sie den Unterschied zwischen erkaufter und echter Zuneigung erkennen. Da sie den aber aus mangelnder Erfahrung nicht kennen, gehen sie zu Prostituierten.1
Ganz leise, dumpf und unbewusst ist das Bedürfnis nach wertschätzender, akzeptierender Liebe in den Freiern doch noch vorhanden. Dieses Bedürfnis äußert sich nur noch versteckt im Sexualtrieb.

Ich kann mir gut vorstellen, dass so manche Prostituierte eine Frau ist, die ebenfalls nie in ihrem Leben wertschätzende, akzeptierende Liebe von Seiten eines Mannes, allen voran der eigene Vater, erfahren hat. ( Es ist eine traurige Tatsache, dass viele Prostituierte in ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalt wurden.) In diesem Fall wären sich Prostituierte und Freier ähnlicher, als es ihnen bewusst ist.

Es könnte ebenfalls sein, dass viele Prostituierte meinen, Prostitution sei die einzig mögliche Beziehungsform zwischen Männern und Frauen. Manche Ehe scheint diese Weltanschauung zu bestätigen. Wenn eine Frau nur des Geldes wegen bei ihrem Ehemann bleibt, dann ist dieser Zustand der Prostitution schon sehr ähnlich.

Aus dieser Überlegung heraus komme ich zu der Schlussfolgerung, dass Prostitution Ausdruck der Lieblosigkeit einer Gesellschaft ist. Je liebloser eine Gesellschaft desto mehr Prostitution gibt es in ihr.
Lieblosigkeit ist nicht die einzige Ursache für das Entstehen von Prostitution. Auch Armut spielt hier eine große Rolle. Aber die Ausbeutung von Menschen in Not ist ebenfalls eine Form der Lieblosigkeit.
Nicht die Prostitution, sondern die Lieblosigkeit ist das Problem der Gesellschaft. Prostitution ist nicht Ursache, sondern Wirkung. Ohne Nachfrage gibt es auch kein Angebot.

Bei der ganzen Diskussion um das Thema Prostitution ist mir folgendes unangenehm aufgefallen : Es wird immer nur auf die Prostituierten eingeschlagen, während von den Freiern kaum die Rede ist. Dabei sind die Freier ebenso verantwortlich für die Existenz der Prostitution, wie die Prostituierten. Zum Sex gehören nach wie vor immer noch zwei. Der Gang zur Prostituierten ist eine freiwillige Entscheidung. Noch nie wurde ein Mann mit dazu gezwungen, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen. Die Prostituierten allein für die Existenz der Prostitution zu beschuldigen, ist in Wahrheit verkappter Sexismus.
Das Verhalten der Gesellschaft gegenüber den Prostituierten ist bigott - Sie verachtet die Prostituierte, aber gleichzeitig nimmt sie die Dienst der Prostituierten an.

Wie die Gesellschaft aus "anständigen" Bürgern Prostituierte selbst produziert, kann man sehr schön in dem Roman "Die Elenden" von Victor Hugo nachlesen.

In einer liebevollen Gesellschaft gäbe es keine Prostitution, weil kein Bedarf bestünde. Deshalb halte ich ein Verbot der Prostitution für sinnlos. ( Ausgenommen sind hiervon Zwangsprostitution und Zuhälterei. ) Damit würden nur die Symptome bekämpft, nicht die eigentliche Krankheit.

Ein Verbot bzw. die Kriminalisierung der Prostitution, würde die Prostituierten nur in den Untergrund treiben, wo die Situation undurchsichtig und schlechter zu kontrollieren ist.
Des Weiteren würden die Preise in die Höhe getrieben, was die Prostitution noch lukrativer macht.2
Wenn man aber die Prostitution verfolgt, dann muss man konsequenterweise auch die Freier verfolgen. Dann braucht man wiederum mehr Gefängnisse. In den Gefängnissen gibt es aber auch Prostitution.
Ein Verbot der Prostitution würde genauso scheitern wie die (Alkohol-)Prohibition (1920 bis 1933) in den USA.
Verbote lösen keine Probleme !

Eine Legalisierung wie sie AMNESTY INTERNATIONAL im August 2015 forderte, wird die Prostitution allerdings auch nicht aus der Welt schaffen. Die Prostitution wird erst dann verschwinden, wenn es keinen Bedarf an dieser Dienstleistung mehr gibt.
Siehe hierzu : www.sueddeutsche.de/panorama/grundsatzentscheidung-darum-will-amnesty-prostitution-legalisieren*

Sinnvoller wäre ein Verbot der Lieblosigkeit, was aber illusorisch ist. Liebe kann man nicht diktatorisch befehlen.

Ein wesentliches Merkmal der Liebe ist, dass sie nur verschenkt werden kann. Siehe hierzu bitte auch meinen Artikel über dieLiebe.
Sobald die Liebe zur Handelsware degradiert wird, verliert sie augenblicklich ihren Wert. Sie wird beliebig, austauschbar und damit bedeutungslos. Weil aber die Liebe nur verschenkt werden kann, wird ihr Wert oft nicht geschätzt. Deshalb ist der Begriff "käufliche Liebe" sehr zweifelhaft. Aus psychologischer Sicht halte ich Prostitution eben NICHT für einen Job wie jeden anderen. Eine Person die sich prostituiert, hat ihre Sexualität und ihren Körper zu einer unpersönlichen Handelsware degradiert. Jeder kann über diese Ware verfügen, solange er sie bezahlen kann. Wer das ist, spielt im Prinzip keine Rolle.
Prostitution soll das älteste Gewerbe der Welt sein - das ist sehr traurig.

Es gibt Eltern, die aus ihrer "Liebe" zum eigenen Kind ein Geschäft machen. Das Kind muss ständig Leistung erbringen. Wenn es diese Leistung nicht erbringt, wird es mit Liebesentzug bestraft. Da aber jedes Kind geliebt werden will, muss es dieses Spiel mitmachen. Also reißt sich das Kind alle Beine aus, um sich die "Liebe" seiner Eltern zu erkaufen. Hier wird Liebe im Namen der Leistungsgesellschaft missbraucht. Ein Kind, dass diese "Werte" verinnerlicht hat, geht in seinem späteren Leben davon aus, dass alles in der Welt käuflich und korrupt ist. Tatsächlich sind auch viele Menschen korrupt. So jemand hat dann keine Probleme damit, ins Bordell zu gehen.

Diese Art der Lieblosigkeit hat die weltweite Ausbreitung des Kapitalismus begünstigt. Kapitalismus , also das Streben nach Geld, ist der untaugliche Versuch, sich für entgangene Liebe zu "entschädigen". Da aber Geld niemals Liebe ersetzen kann, kommt es zur Unersättlichkeit. Man tröstet sich mit einem Placebo, das niemanden satt machen kann.

Ich denke, dass Drogensüchtige genau denselben Irrtum begehen. Sie versuchen Probleme mit untauglichen Mitteln zu lösen. Nur eben nicht mit Geld, sondern mit Chemikalien zur Manipulation von Gefühlen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Chemikalien "legal" oder "illegal" sind. Denn ALLE Drogen sind gesundheitsschädlich !!!

Die wirklich wichtigen Dinge im Leben kann man aber nicht kaufen, weder in der Apotheke, noch in der Modeboutique oder im Bordell.

Als ich mit der Bahn in die Stadt fuhr, begegnete ich einem jungen Mann, der ein T-Shirt trug. Auf dem T-Shirt stand : "Liebe ist für alle da." Prinzipiell stimme ich dieser Aussage zu. Offensichtlich gibt es aber nicht genug Liebe für alle Menschen.

Eine lieblose Gesellschaft ist nicht nur für das Entstehen von Prostitution verantwortlich; sie ist auch für das Entstehen von Kriminalität verantwortlich, denn kriminelles Verhalten ist liebloses Verhalten gegenüber dem sozialen Umfeld. Menschen ( Kinder ) die nie in ihrem Leben wertschätzende, akzeptierende Liebe erlebt haben, können keine Liebe weitergeben.
Woher denn auch ?
Lieblose Eltern produzieren lieblose Kinder.

"Jeder ist seines Glückes Schmied." Dieses Sprichwort hat allerdings ein großes Problem. Schmieden ist eine Kunst, die erlernt werden muss. Um es zu erlernen muss man zu einem Lehrmeister in die Lehre gehen. Was aber wenn der Lehrmeister ( Eltern ) nichts taugt ? Dann hat der Lehrling ( Kind ) wohl Pech gehabt ?!
So bekommt jede Generation genau die Kinder, die sie verdient.

Ein anderer Ausdruck der Lieblosigkeit der Gesellschaft ist leider auch die Psychotherapie. Die Tatsache, dass es so viele Psychotherapeuten gibt und viele Patienten oft monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen, belegt doch die große Sehnsucht der Menschen nach vertrauensvoller Zuwendung. Eine verständnis- und liebevolle Gesellschaft hätte wohl kaum Bedarf an Psychotherapeuten. Denn auch hier gilt : Psychotherapie ist nicht die Ursache von psychischen Erkrankungen, sondern der Versuch, diesen entgegen zu wirken.

Ich denke, man muss sich gar nicht wundern über das Ausmaß der Lieblosigkeit in einer Gesellschaftsform, in der sich das Denken, Handeln und Fühlen nur um das Geld drehen.



Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 16.7.2016

Anmerkungen und Ergänzungen

* Stephan Potratz haftet nicht für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

1 Vielleicht gibt es sogar Freier, die bei einer Prostituierten zum ersten mal in ihrem Leben so etwas wie Zuneigung erfahren haben. Prostituierte mit großem Herzen soll es geben. Ein Freier, der solche Erfahrungen gemacht hat, hat verständlicherweise ein positives Bild von Prostituierten. Aber das wird eine seltene Ausnahme sein.

2 Es gäbe eine ganz einfache Methode die Prostitution aus der Welt zu schaffen und zwar die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wäre kein Mensch dazu gezwungen, sich zu prostituieren.
Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen würden skandalöse Arbeitsbedingungen sofort auffliegen und der Vergangenheit angehören. Die Position der Arbeitnehmer würde gestärkt werden.
Siehe hierzu : wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen*
Auf alle Fälle müsste man die Armut abschaffen. Um aber die Armut abzuschaffen, müsste man den Reichtum antasten. Ein ganz heißes Eisen, in einem Land, das vom Kapitalismus verseucht ist.

Man(n) kann aber auch als Einzelner etwas gegen Zwangsprostitution unternehmen : Die Dienste von Prostituierten NICHT in Anspruch nehmen ! Als Freier hat man überhaupt keine Möglichkeit festzustellen, ob die Prostituierte, deren Dienst man in Anspruch nimmt, unter Zwang handelt oder nicht.

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