Täter und Opfer

Vorwort zu dem Text "Täter und Opfer"


Sehr geehrte Damen und Herren.

"Du Opfer !"

Dieser abgrundtief verächtliche Ausspruch von - zumeist männlichen - Jugendlichen, hat mich dazu bewogen den folgenden Text zu schreiben. Das Wort Opfer wird hier - von strohdummen Menschen - als Beschimpfung missbraucht. Ich finde, hier müssen ein paar Dinge unmissverständlich klargestellt werden.
Opfer verdienen unseren Respekt, unsere Solidarität, unser Mitgefühl und unser Verständnis, nicht unsere Verachtung.

Das Wort Opfer hat in deutschen Sprache eine dreifache Bedeutung :

1. Religiöses Opfer - das kann stofflich, tierisch oder menschlich sein.
2. Persönliches Opfer - Eine Person opfert seine Freizeit um eine andere Person zu pflegen oder eine Person opfert sein eigenes Leben um das Leben einer oder mehrere Personen zu retten. Organ- und Blutspende fallen auch darunter.
3. Opfer höherer Gewalt oder eines Verbrechens.

Man kann auch indirekt zum Opfer werden. Wenn ein geliebter Mensch z. B. Opfer eines Verbrechens wird, dann trifft das auch die Hinterbliebenen.

Das Wort Täter ist auch nicht unproblematisch. Eigentlich ist das Wort Täter wertneutral, denn eine Tat kann sowohl gut als auch böse sein. Der Begriff "Wohltäter" wird heute kaum noch verwendet. In der deutschen Sprache ist das Wort Täter allerdings negativ besetzt.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Wort Täter maskulin ist ( der Täter ).
Außer Frage steht aber, dass auch Frauen Täter sind.

Je länger ich an diesem Text schrieb, desto mehr merkte ich wie komplex und umfangreich dieses Thema ist, dass die gesamte menschliche Gesellschaft durchsetzt. Dieses Thema ist auch deshalb so schwierig, weil es eine wirklich scharfe Grenze zwischen Opfern und Tätern nicht gibt. Tätertum und Opfertum schließen einander nicht aus.
Manche von uns sind mehr Opfer als Täter.
Manche von uns sind mehr Täter als Opfer.
Manchmal sind wir Täter an uns selbst, weil wir uns so viel gefallen lassen.
Manchmal sind wir Täter an uns selbst, weil unser Verhalten uns selbst schädigt.

Dann gibt es auch noch die Täter - Opfer - Beziehung. Täter und Opfer sind wie verheiratet. Der eine wird Teil im Leben des anderen. Ein Vergewaltiger kann sich an jedes seiner Opfer sehr genau erinnern und die Vergewaltigungsopfer können nicht vergessen. Die Tat verbindet beide.

Man kann auch unfreiwillig zum Täter werden. Wenn ein Mensch, mit der Absicht sich selbst zu töten, vor einen Zug springt, dann wird der Lokführer unfreiwillig zum Täter. Ein Zug hat einen Bremsweg von mindestens einem Kilometer. Auch mehr, je nach Geschwindigkeit und/oder Beladung. Der Lokführer hat keine Chance, wenn 50 Meter vor ihm ein Mensch auf die Geleise springt. Mit der Problematik des unfreiwilligen Tätertums werden die Lokführer oft alleine gelassen.

Stichwort Freiwilligkeit. Ein Suchtkranker ist Täter und Opfer in einer Person. Wie weit ist er aber freiwilliger Täter und wie weit ist er unfreiwilliges Opfer ?

Erwähnen muss ich auch die Gewalt des Menschen gegen Tiere und Pflanzen. Das der Mensch schon Tierarten ausgerottet hat, ist eine traurige Tatsache. Durch die Abholzung der Regenwälder werden Spezies unwiederbringlich vernichtet, noch bevor die Wissenschaft von ihnen Kenntnis nehmen kann.

Meine Betrachtungen beziehen sich aber primär auf die vorsätzliche Gewalt des Menschen gegen den Menschen.

Täter und Opfer

Jeder kann zum Opfer werden.
Opfer von anderen Menschen.
Opfer von Naturgewalten.
Opfer von Krankheiten.
Opfer von Unfällen.
Niemand ist sicher.
Niemand ist unantastbar.
Es wird immer Opfer geben, auch in einer Welt, in welcher der Mensch des Menschen Freund ist.
Alle Herzen werden gebrochen - die einen früher, die anderen später.

Niemand will zum Opfer werden.
Jeder hat Angst davor Opfer zu werden.
Keiner gibt offen zu, diese Angst zu haben.
Viele verdrängen diese Angst.
Vielleicht müssen wir diese Angst ( "Auch ich kann zum Opfer werden." ) sogar verdrängen, weil wir ansonsten das Haus nicht mehr verlassen könnten, wo wir übrigens auch zum Opfer werden können.

Manche Kinder, die schwer misshandelt und/oder vergewaltigt wurden, mussten verdrängen um zu überleben.
Bei manchen Kindern, die misshandelt wurden, findet eine Sensibilisierung gegenüber der Gewalt statt. Bei anderen findet eine Abstumpfung gegenüber der Gewalt statt. Aus solchen Kindern können dann leider Täter werden.
Nicht alle Opfer werden zu Täter.
Manche Opfer werden depressiv.
Manche Opfer verfallen der Sucht.
Manche Opfer entwickeln Neurosen.
Manche Opfer verstümmeln sich selbst oder begehen Suizid.
Diese Opfer werden zu Täter an sich selbst.

Aus der Angst heraus Opfer werden zu können, kann man sehr schnell zum Täter werden. Bei manchen Menschen ist diese Angst so groß, dass sie vorsorglich lieber zu Täter werden. ( "Ich töte dich bevor du mich töten kannst." ) So können ganz leicht Kriege entstehen.

Wer einmal zum Opfer geworden ist, für den ist das Leben nicht mehr wie zuvor. Das Opfer hat das Land der Naivität verlassen. Der Glaube, nie im Leben zum Opfer werden zu können ist naiv! Eine Wiederherstellung dieser Naivität ist nicht mehr möglich. Die heile Welt ist niedergebrannt und kommt nie mehr wieder.
Das Wissen um die eigene Verletzlichkeit und Hilflosigkeit, trennt die Opfer von den Nicht-Opfern. Deshalb fällt es Opfern oft sehr schwer einen Weg in die Gesellschaft und ins Leben zurück zu finden. Unmöglich ist es aber auch nicht. Das überlebende Opfer hat jetzt die Chance, sein Leben ganz neu zu bewerten und sich zu fragen : " Was ist wirklich wichtig im Leben und was nicht ?"
An dieser Stelle wünsche ich allen Opfern, dass sie, dem Horror zum Trotz, einen neuen Weg ins Leben finden.
Opfer schämen sich dafür, zum Opfer geworden zu sein. Die Täter schämen sich nicht.
Manche Opfer geben sich selbst die Schuld dafür, was ihnen angetan wurde. Kinder, die misshandelt und/oder vergewaltigt wurden, sind hiervon oft betroffen. Es gibt Täter, die genau diese falschen Schuldgefühle bewusst in ihre Opfer injizieren. An dieser Stelle merke ich an, dass ich der selben Meinung bin wie Alice Miller : Das Kind ist immer unschuldig !
Manche Opfer fühlen sich schuldig, weil sie eine Katastrophe oder einen Terroranschlag überlebt haben.
An alle überlebenden Opfer die sich schuldig fühlen : Es ist nicht eure Schuld ! Zu überleben ist kein Verbrechen, weder moralisch noch juristisch. Ihr seid nicht dafür verantwortlich, was geschehen ist. Die Täter, Gott oder das Schicksal sind dafür verantwortlich. Die Verursacher sind schuldig, nicht die Opfer. Die Täter müssen sich entschulden, nicht die Opfer.

Opfer zu werden ist immer unfreiwillig.
Opfertum bedeutet Ohnmacht.
Opfertum bedeutet Auslieferung.
Opfertum bedeutet Angst.
Opfertum bedeutet Schmerz.
Opfertum bedeutet Hilflosigkeit.
Opfertum bedeutet Erniedrigung.
Opfertum bedeutet eine Erschütterung der Seele.
Das alles wissen die Täter übrigens ganz genau.

Das Opfer hat keine Wahl. Es soll auch gar keine Wahl haben, sofern die Gewalt von Menschen ausgeht.
Täter zu werden ist eine freiwillige Entscheidung.
Der Täter hat immer die Wahl.
Täter wollen dominieren.
Täter wollen manipulieren.
Täter wollen kontrollieren.
Das Gefühl der Allmacht über das Opfer berauscht die Täter. Der Wunsch nach Allmacht rührt von der schmerzlichen Erfahrung der Ohnmacht. Ich bin überzeugt davon, dass alle Gewaltverbrecher in ihrer frühesten Kindheit die Erfahrung von Todesangst und Ohnmacht gemacht haben. Die Gefühle Todesangst und Ohnmacht sind schon für einen Erwachsenen schwer erträglich. Ein Kind, dass gerade mal Laufen und sprechen kann, ist damit völlig überfordert.
Aber, welcher Wunsch entsteht denn aus der Erfahrung von Todesangst und Ohnmacht ? Der Wunsch nach Allmacht !

Es gibt auch passive Täter.
Jene, die zulassen.
Jene, die schweigen.
Jene, die nicht sehen wollen.
Jene, die nicht hören wollen.
Jene, die nicht wissen wollen.
Jene, die nicht merken wollen.
Jene, die die aktiven Täter anfeuern.
Jene, die sich am Schaden anderer erfreuen.
Jene, die das Leid der Opfer bagatellisieren. ( Typische Sprüche der Bagatellisierer lauten : "Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein." oder "Anderen geht es viel schlechter als dir." oder "Stell dich nicht so an.")
Jene, die das Leid der Opfer gleich ganz leugnen.
Jene, die so leicht bereit sind einen Mitmenschen an den Teufel zu verraten oder zu verkaufen.
Jene, die von der Ungerechtigkeit sehr gerne profitieren, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
Durch Passivität kann man zum Täter werden und sich schuldig machen. Siehe z. B. Unterlassene Hilfeleistung.

Täter haben verdrängt, dass sie selbst als Kinder zu Opfern wurden. Genau diese Verdrängung stellt das Problem dar, weil die ehemaligen Opfer sich mit ihren Tätern identifizieren. Die ehemaligen Opfer haben die Seiten gewechselt.
Täter wollen sich nicht ihrer eigenen bitteren Vergangenheit stellen.
Würden sie sich selbst als ehemalige Opfer erkennen, würden sie sich zwangsläufig mit ihren Opfern identifizieren.
Würden sie sich mit ihren Opfern identifizieren, wären sie nicht mehr in der Lage, Täter zu sein.
Empathie verhindert Tätertum. Empathie setzt der Gewalt zumindest Grenzen.
Empathiefreie Personen sind potentiell gefährlich.
Empathiefreie und gewaltbereite Personen sind akut gefährlich. Die Gehirnforschung ist heute schon soweit, festzustellen ob und inwieweit eine Person zur Empathie fähig ist.

Täter verachten Opfer. "Du Opfer!"
Täter dämonisieren und/oder entmenschlichen ihre Opfer. Beliebte Bezeichnung sind : "Die bösen Juden", "Das Reich des Bösen", "Die Schurkenstaaten" , "Die Ungläubigen" , "Die Heiden" , "Die Barbaren" oder "Die Untermenschen". Dadurch senken die Täter ihre Hemmschwelle zur Gewalt. "Wir sind die Guten, ihr seid die Bösen." Auf der anderen Seite der Front erzählen die Menschen übrigens den selben Blödsinn. Immer wieder schaffen es die verbalen Brandstifter Menschenmassen gegen andere Menschen aufzuhetzen. Mit tödlichen Folgen. Aus diesem Grund komme ich zu der Schlussfolgerung : Die schlimmste Massenvernichtungswaffe ist das menschliche Maulwerk, denn vor dem Genozid steht immer das Wort. Man kann mit Worten sehr wohl töten. Besonders wir Deutschen sollten das wissen.
Täter verachten in ihren Opfern das, was sie in sich selbst ebenfalls verachten. Verachtet werden solche Gefühle wie Schwäche, Hilflosigkeit und Bedürftigkeit.
Täter beschuldigen ihre eigenen Opfer für das, was sie ihnen angetan haben. "Du bist es doch selbst schuld." oder "Du wolltest es doch."
Täter brauchen Opfer, um sich selbst groß und stark zu fühlen. Das geringe Selbstwertgefühl wird so vorübergehend aufgewertet. Deshalb gibt es Serienmörder. Der Wille, einen Menschen zum Opfer zu machen, hat immer etwas mit dem geringen Selbstwertgefühl des Täters zu tun.
Täter ergötzen sich am Leid ihrer Opfer. Die Täter sehen ganz genau die Angst in den Augen ihrer Opfer.
Täter sammeln Trophäen. Das können Gegenstände aber auch abgetrennte Körperteile ihrer Opfer sein.
Täter sind wie Psycho-Parasiten und ohne Wirt gar nicht lebensfähig.
Täter weisen jede Schuld immer weit von sich.
Täter brüsten sich sehr gerne mit Ihren Taten.
Täter genießen es Täter zu sein.
Täter haben immer tausend "Entschuldigungen" und "Rechtfertigungen" für ihre Taten. Beliebte "Rechtfertigungen" sind "im Namen des Guten", "im Namen der Wahrheit", "für die Gerechtigkeit", "Freiheit oder Tod" oder einfach nur "die Vorsehung". Ideologien und Religionen sind ebenfalls beliebte Ausreden.
Täter missbrauchen einen Gott oder Pseudo-Gott sehr gerne als Ausrede für ihre Taten. Die Verantwortung für die eigenen Verbrechen wird auf eine höhere Instanz abgewälzt. Beliebte Ausreden sind "Es ist Gottes Wille" oder "Ich habe doch nur Befehle befolgt". Auch Kriege werden immer im Namen eines Gottes, des Guten und der Gerechtigkeit erklärt. Versuchen Sie mal einen Krieg im Namen des Teufels, des Bösen und der Ungerechtigkeit zu erklären. Aus psychologischen Gründen funktioniert das nicht. Wenn man schon Millionen von Menschen umbringt, dann will man sich wenigstens "im Recht" fühlen.
Täter sind immer sehr nachsichtig mit sich selbst.
Täter meinen, sie hätten das Recht Täter zu sein. Siehe hierzu Lynchjustiz.
Täter meinen, nur ihre Gefühle und Bedürfnisse würden zählen. Das andere Menschen ebenfalls Gefühle und Bedürfnisse haben, ist schier undenkbar.
Täter "bereuen" nur dann, wenn ihnen schwere Strafe droht. Sie bereuen nicht aus Einsicht. Hätten sie die Einsicht, wären sie gar nicht erst zu Tätern geworden. Zumindest würden sie ihre Taten nicht mehr wiederholen.
Täter sind Opportunisten. Verbrechen sind Situationsabhängig. Gelegenheit macht Diebe.
Täter gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Sie suchen sich immer Opfer aus, die schwächer sind als sie selbst. Viel zu oft sind das dann Kinder. Insofern sind Täter auch erbärmlich.

Ich bin jedes mal erschrocken, wenn ich sehe, wie leicht Menschen bereit sind, die Todesstrafe zu fordern.
Ich bin jedes mal erschrocken, wenn ich sehe, wie leicht Menschen bereit sind, andere Menschen zu verachten und auszugrenzen.
Ich bin jedes mal erschrocken, wenn ich sehe, wie leicht Menschen bereit sind, Tod und Vernichtung über andere Menschen zu bringen.
Ich bin jedes mal erschrocken, wenn ich sehe, wie leicht Menschen bereit sind, Leid und Not anderer Menschen zu bagatellisieren oder ganz zu leugnen.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Schon gar nicht für den Spott der Täter.
Täter sind zu feige, um sich mit dem Leid ihrer Opfer auseinander zu setzen.
Täter haben kein Mitleid mit ihren Opfern. Die Unfähigkeit zum Mit-Leiden befähigt Täter erst zu ihren Taten. Unfähigkeit qualifiziert. Wenn man sich als KZ-Wärter bewirbt, ist Empathielosigkeit ohne jeden Zweifel eine Qualifikation.
Täter identifizieren sich immer nur mit Tätern, nie mit den Opfern.
Täter sind stolz darauf gefährlich zu sein. Als gefährlich zu gelten erleben Täter als Aufwertung. "Vor mir muss man sich in acht nehmen!"
Täter sind stolz auf ihre Taten. Die Täter prahlen z. B. damit, wie viele Menschen sie schon umgebracht haben.
Täter leben nach dem Motto : "Hop oder Top", "Sieg oder Niederlage", "oben oder unten", "Alles oder Nichts".
Diese Art der Weltanschauung ist sehr dumm, weil ihre Anhänger sich selbst schon im Vorfeld aller Alternativen berauben. Es gibt immer Alternativen. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß. Auf diesem Planeten gibt so viele unterschiedliche Lebewesen, mit den unterschiedlichsten Überlebensstrategien, die die unterschiedlichsten Lebensräume erobert haben. Das Leben nutzt jede Alternative. Das Leben findet einen Weg.

Täter sind stolz darauf mitleidlos zu sein.
Täter sind stolz darauf erbarmungslos zu sein.
Täter sind stolz auf diese Unfähigkeit.
Täter meinen, diese Unfähigkeit wäre eine Auszeichnung.
Täter verwechseln Verrohung mit Stärke. "Gelobt sei was hart macht."
Täter meinen, Empathie wäre eine schlimme Krankheit, die man unter allen Umständen vermeiden muss. Sie verwechseln das Heilmittel mit der Krankheit.

Wo es keine Empathie gibt, gibt es auch kein Gewissen.
Wo es kein Gewissen gibt, hat das Böse freien Lauf.
Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.
Gar kein Gewissen ist aber auch ein sanftes Ruhekissen. Warum sollte jemand schlecht schlafen, wenn ihn keine Gewissensbisse plagen ?

Als ich mit der Bahn in die Stadt fuhr, begegnete ich einem jungen Mann, der ein T-Shirt trug. Auf dem T-Shirt stand : "Liebe ist für alle da." Prinzipiell stimme ich dieser Aussage zu. Offensichtlich gibt es aber nicht genug Liebe für alle Menschen.
Die Tatsache, dass es so viele Liebesromane und -Filme gibt deutet doch darauf hin, wie liebesarm unsere Gesellschaft ist und das es offenbar eine große Sehnsucht nach der selben gibt. Wer sich geliebt fühlt und selbst liebt hat doch gar keinen Bedarf nach solchen Romanen und Filmen.
Vergleiche hierzu bitte meine TexteProstitutionund Liebe.

Herzlosigkeit ist das Problem der Menschheit, nicht Gottlosigkeit. Gottlosigkeit war noch nie das Problem. Religiosität und Empathie sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Religion hat nicht das Monopol auf Empathie und Liebe. Niemand hat das Monopol auf Empathie und Liebe. Empathie und Liebe sind unabhängig von jeder Religion.
Wenn, dann hat die Liebe Priorität, nicht die Religion. Religion hat sich an der Liebe zu orientieren, nicht umgekehrt.
Gottlosigkeit oder Konfessionslosigkeit bedeutet noch lange nicht Herz- bzw. Lieblosigkeit.
Es ist schon erstaunlich, wie viele religiöse Menschen zu den schlimmsten Gräueltaten fähig waren und sind. Unter dem Deckmantel des "rechten Glaubens", was auch immer das sein soll, lässt es sich vortrefflich morden, vergewaltigen, stehlen, foltern und vernichten. Siehe Hexenverbrennung, Kreuzzüge, 30jähriger Krieg, Holocaust. Im Namen des Guten sind schon viele Verbrechen begangen worden.
Auch Adolf Hitler hat es nur "gut gemeint". Er "glaubte" fest daran, dass Böse in den "Juden", wer auch immer das sein soll, identifiziert zu haben. Und wer ist schon gegen die Vernichtung des Bösen ?

Das Gegenteil eines Heiligen ist nicht der Sünder, sondern der Scheinheilige.

Empathie entsteht überall dort, wo sie zugelassen und erlebt wird.
Wird die Empathie vorsätzlich zerstört, hat das Böse freien Lauf.
Wer das Böse sät, wird das Böse ernten.
Das Böse ist die vorsätzliche Zerstörung des Lebendigen. Zerstörung aus Lust an der Zerstörung.
Es gibt Menschen, die wollen den Krieg. Es gibt Menschen, die wollen die Welt einfach nur brennen sehen.
Die Bereitschaft zur Gewalt ist ein fester Bestandteil der Menschheit. Es ist kein Zufall, dass sich die Geschichte der Menschheit seit 5000 Jahren wie ein Kriegstagebuch liest.

Das Böse ist die hemmungslose Missachtung aller Grenzen.
Das Böse ist in der letzten Konsequenz selbstzerstörerisch. Deshalb gibt es "das absolut Böse" gar nicht. Kann es auch gar nicht. Wenn es "das absolut Böse" jemals gegeben hat, hat es sich schon vor langer Zeit selbst zerstört. Da "das absolut Böse" alles um sich herum vernichtet, hat es auch seine eigene Lebensgrundlage vernichtet und damit sich selbst. Es gibt immer nur das relativ Böse, was aber auch schon schlimm genug ist. Denn dieses relativ Böse, welches wir alle kennen, kann nichts anderes als zerstören. Aufbauen tun andere. Insofern ist das Böse strohdumm.
An der Existenz des "absolut Guten" habe ich auch meine Zweifel. Wenn es "das absolut Gute" jemals gegeben hat, dann hat es sich selbst aufgelöst, weil es die eigene Substanz so lange verschenkt hat, bis von ihm selbst nichts mehr übrig blieb. Es hat sich verausgabt. Vor lauter Gutmütigkeit, hat es sich auffressen lassen.

Das Problem besteht gar nicht mal so sehr darin, dass es böse Menschen gibt. Das Problem besteht darin, die bösen Menschen rechtzeitig zu erkennen.

Es gibt auch reflexhafte Täter.
Der israelisch/palästinensische Konflikt ist eine permanente Kettenreaktion aus Vergeltung und Gegenvergeltung und Gegengegenvergeltung. In diesem hirnlosen, reflexhaften Schlagabtausch wächst der Berg der Leichen und die Verbitterung auf beiden Seiten. Einer langfristigen und nachhaltigen Lösung kommen beide Parteien so keinen Schritt näher. Solange sich beide Parteien von den verbalen Brandstiftern aufhetzen lassen, wird es so bald auch keine Lösung geben.
Täter sind immer fest davon überzeugt keine andere Wahl zu haben als Gewalt anzuwenden. Die verbalen Brandstifter erzählen uns immer, es gäbe keine Alternative zu Krieg und Vernichtung. Aber ist dem wirklich so ?
Ich frage beide Parteien : Soll die hirnlose, reflexhafte Leichenproduktion bis in alle Ewigkeit so weiter gehen ?
Der Schrei nach Rache und Vergeltung ist sehr kurzsichtig.
"Du hast angefangen." Diesen Satz kennen wir alle aus dem Kindergarten.
Die Verbrechen eines Menschen sind weder eine Entschuldigung noch eine Erlaubnis für die Verbrechen eines anderen Menschen.

Täter erschaffen Opfer.
Aus Opfern werden Täter.
Zyklus unnötigen Leidens.

Es gibt sehr viel Gewalt auf diesem Planeten.
Wenn ein Vulkan das Land verbrennt, dann müssen wir das hinnehmen.
Wenn ein Tsunami das Land überschwemmt, dann müssen wir das hinnehmen.
Wenn ein Asteroid einschlägt und 90 Prozent allen Lebens auf diesem Planeten auslöscht, dann müssen wir auch das hinnehmen.

Aber die Gewalt des Menschen gegen den Menschen müssen wir ganz bestimmt nicht hinnehmen.

Unser Problem ist nicht die Gewalt von ein paar wenigen Geisteskranken. Unser Problem ist die alltägliche "normale" Gewalt von Millionen ganz "normaler" Menschen, die keineswegs geistesgestört sind.

In der Bibel steht, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Ist dem wirklich so ? Oder ist es nicht eher umgekehrt : Der Mensch hat das Paradies vertrieben.

Aber wer weiß. Vielleicht sind wir alle in der Hölle, es hat uns nur keiner gesagt.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser meinen Text als deprimierend empfindet.
Mich deprimiert, wenn ich sehe wie sich Menschen gegenseitig das Leben zur Hölle machen.
Mich deprimiert, dass das absolut nicht nötig wäre.
Mich deprimiert, dass die Menschen den Weg des Friedens gehen könnten, es aber nicht tun.
Mich deprimiert, dass das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden offenbar der Mensch ist.

Was soll man gegen die Gewalt tun ?

Ich denke, wir müssen sensibler werden gegenüber allen Arten der Gewalt. Die Aufforderung "man solle nicht so empfindlich sein", halte ich für absolut falsch. Nichts ist gefährlicher, als eine schleichende Gewöhnung an die Gewalt. Denn eine Gewöhnung an die Gewalt führt zu einer Herabsetzung der Hemmschwelle und damit zu noch mehr Gewalt. Unsere Hemmschwelle zur Gewalt muss aber viel höher liegen. Vergleiche hierzu bitte meinen Text Normalität und Gewohnheit.
Wir brauchen viel mehr Abscheu gegenüber den verbalen Brandstiftern, den Hetzern und den Aufpeitschern, die verdeckt oder ganz offen, zu Gewalt, Mord und Genozid auffordern. Diesen Personen darf kein Gehör geschenkt werden.
Vergleiche hierzu bitte mein Photo Der Pseudo-Gott.

Der Klügere gibt nach...
...und der Dumme macht weiter.
Die Klügeren dürfen aber eben NICHT nachgeben und den Dummköpfen das Ruder überlassen.
Wenn die Klügeren jetzt nachgeben, werden sie es sein, die die Dummen sind.

Wir müssen lernen, die Anfänge der Gewalt wahrzunehmen. Gewalt fängt nicht erst mit dem Fließen von Blut an. Sie fängt an mit boshaftem Denken über andere Menschen. Sie fängt an mit boshaftem Reden über andere Menschen. Erst dann kommt die physische Gewalt.
Auch das krankhafte Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken des Kapitalismus ist mir deshalb äußerst suspekt. Es gibt Bereiche im Kapitalismus, die ohne Feindbilder schon gar nicht mehr auskommen.
Gewalt entsteht nicht aus dem Vakuum heraus. Das Böse ist kein Virus, das den einen befällt und den anderen verschont. Das Böse hat seinen Ursprung in den Köpfen der Menschen. Das Böse braucht seine Vorbereitung. Genau diese Vorbereitung muss erkannt und unterbrochen werden.

Diese Vorbereitung kann man an folgenden fünf Symptomen erkennen:

- Verachtung : "Ich und meinesgleichen sind etwas besseres als du und deinesgleichen. "
- Unterstellung : "Du und deinesgleichen sind schlecht. Ihr wollt UNS vernichten." Alles was ein Mensch macht oder sagt wird grundsätzlich negativ ausgelegt.
- Ignorierung : "Mit dir und deinesgleichen rede ich nicht. Wenn ich mit dir rede, gehe ich doch nur das Risiko ein festzustellen, dass meine Vorurteile falsch sein könnten."
- Ausgrenzung : "Mit dir und deinesgleichen wollen wir nicht zu tun haben. Du und deinesgleichen werden ausgeschlossen von Mitspracherecht und Mitbestimmung, von Bildung, von medizinischer Versorgung und Berufstätigkeit."
- Entmenschlichung : "Du und deinesgleichen sind gar keine Menschen. Deshalb dürfen ich und meinesgleichen mit dir und deinesgleichen tun und lassen was wir wollen."
Vergleiche hierzu bitte mein Photo Verachtung.

Sensibilität und Empathie haben nichts mit Schwäche oder Feigheit zu tun. Im Gegenteil : Besonders die sensiblen und empathischen Menschen müssen viel ertragen, in einer von Menschen erschaffenen Welt, die alles andere als sensibel und empathisch ist. Die Unsensiblen und Empathiebefreiten haben es da viel leichter. Ihnen tut nichts weh in einer brutalen Welt, die sie selbst brutalisiert haben. "Weil die Welt angeblich so brutal ist, müssen wir ebenfalls brutal sein." Ursache und Wirkung werden verwechselt. Wir Menschen bestimmen doch wie es der Gesellschaft läuft, die wir selbst erschaffen haben. Wir sind die Ursache. Wir sind das Problem.
Pazifismus ist keine sozialromantische Spinnerei, sondern eine geopolitische Notwendigkeit, wenn die Menschheit überleben will.

Deshalb sollten wir folgende menschliche Eigenschaften kultivieren, die bei den Empathiebefreiten ach so verpönt sind :

- Sensibilität - Das Entsetzen vor Gewalt muss so früh wie möglich einsetzen, damit die Gewalt nicht eskaliert.
- Empathie - "Andere Menschen haben ebenfalls Gefühle und Bedürfnisse. Nicht nur ich."
- Verständnis - Das setzt ein gewisses Maß an Phantasie und den Willen die Dinge mal aus der Perspektive des anderen zu betrachten voraus.
- Selbstreflexion - " Was tue ich ? Was denke ich ? Was spreche ich ?"

Sensibilität und Empathie sind Zeichen der seelischen Lebendigkeit. Das fehlen dieser Eigenschaften bedeutet seelischer Tod. Die Empathiebefreiten sind seelische Zombies. Zum Denken zwar fähig, zum Fühlen nicht mehr. Siehe hierzu Adolf Eichmann ( 1906 - 1962 ).
Es ist nicht erbärmlich, Mitleid mit den Opfern zu haben. Es zeugt von menschlicher Größe.
Es ist nicht erbärmlich, Angst um sein Leben zu haben. Es ist verständlich.
Soziales Verantwortungsbewusstsein ist nicht romantisch. Sie ist notwendig damit eine Gesellschaft existieren kann. Wenn jeder nur an sich denkt und nur für sich selbst kämpft, brauchen wir keine Gesellschaft mehr. "Survival of the Fitttest" ist antisozial und funktioniert auch nur in einer gelangweilten Überflussgesellschaft. In einer Welt in der die Ressourcen knapp sind, ist ein Überleben nur dann möglich, wenn die Menschen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Vertrauen ist hier die wichtigste Währung.
Für die, ach so unzivilisierten, prähistorischen Neandertaler war das eine selbstverständliche Tatsache.
Nur wir, ach so zivilisierten, fortschrittlichen und modernen Menschen meinen das ignorieren zu können.
Wir legen so viel Wert auf Bildung, aber von der Bildung des Herzens ist keine Rede. Statt dessen schielt die Gesellschaft wie ein Suchtkranker auf das Geld.


Wir müssen uns von dem Irrglauben trennen, dass die Probleme der Menschheit durch Technik, mehr Technik und noch mehr Technik zu lösen wären.
Wir müssen uns von der oberflächlichen Spaßgesellschaft verabschieden, in der nichts mehr ernst genommen wird.
Wir müssen der grenzenlosen Kommerzialisierung der Welt Einhalt gebieten.
Erst dann ist eine Welt, in welcher der Mensch weder Täter noch Opfer eines anderen Menschen wird, möglich.
Dann kann die Menschheit wirklich von Fortschritt sprechen.

Ich bin nicht naiv. Ich denke, der Weltfrieden bleibt eine Utopie, weil die Menschen so unterschiedliche Charaktere und so unterschiedliche Interessen haben. Eine Welt voller, von Menschen verursachter, Gewalt ist möglicherweise der Preis den wir alle für die Individualität zahlen müssen. Frieden ist vielleicht nur in der Konformität, in der Homogenität möglich.

Hinzu kommt, dass die Menschenwelt immer komplizierter wird. Es wird immer schwieriger das Richtige zu erkennen. Mittlerweile Leben über sieben Milliarden Menschen auf diesem Planten, mit vielen teilweise widersprüchlichen Intentionen. Ich denke, dass die Menschheit schon jetzt mit sich selbst überfordert ist.

Aber jede Generation auf diesem Planeten hat die Chance, die Gewalt wenigstens einzudämmen. Es stimmt nämlich nicht, dass die Welt aus Opfern und Tätern bestehen muss. Das wird nur von denen behauptet, die damit ihr böses Tun rechtfertigen und entschulden wollen. Die selben Personen verwechseln das Leben mit dem Circus Maximus.

Es wird viel darüber gestritten, ob das Böse oder das Gute nun stärker sei. Ich denke, das Böse ist stärker als das Gute, weil es so leicht ist, zu töten und zu zerstören. Etwas aufzubauen ist viel anstrengender. Es kostet Zeit, Energie und Rohstoffe.
Dass das Böse bis jetzt noch nicht "gesiegt" hat, liegt nur daran, dass das Gute bis jetzt die Stimmenmehrheit besitzt.

Aber wie lange noch ?
Das Problem sind die Herzen der Menschen.
Wofür werden sie sich entscheiden ?

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung.

hier aufBienenvilla.com

Köln, 2014

PDF