Tod

Tod

Der eigene Tod ist die letzte Erfahrung, die ein Mensch in seinem Leben macht. So lange wir leben, weiß kein Mensch aus eigener Erfahrung was der Tod ist. Der eigene Tod ist abstrakt. Nur der Tod anderer Menschen ist konkret. Aus dieser Überlegung heraus, komme ich zu der Schlussfolgerung, dass kein Mensch wirklich Angst vor seinem eigenen Tod hat.
Wovor die Menschen wirklich Angst haben, ist das Sterben. Das Sterben ist der Übergang vom Leben zum Tod. Wenn wir Glück haben, dann sterben wir schnell und schmerzlos. Wenn wir Pech haben, kann das Sterben sehr lange dauern und sehr schmerzhaft sein. Wovor die Menschen auch Angst haben, ist der Tod eines geliebten Menschen. Einem geliebten Menschen dabei zuzusehen, wie der langsam und schmerzhaft stirbt, ist für jeden schier unerträglich.
Viele Menschen wollen sich nicht mit dem Thema Sterben beschäftigen.
Sie können oder wollen sich nicht die Möglichkeit vorstellen, dass ein von ihnen geliebter Mensch langsam und qualvoll sterben könnte.
Genau aus diesem Grund wird über das Thema Sterbehilfe so heftig diskutiert. Ich habe den Eindruck, dass den Gegnern der Sterbehilfe die Phantasie und das Einfühlungsvermögen fehlt. Unbewusst meinen die Gegner der Sterbehilfe, sie und ihre geliebten Menschen wäre unsterblich. In Wahrheit wird hier kräftig verdrängt. Wenn man jung und gesund ist und kein Angehöriger im Sterben liegt, ist es leicht sich selbst auf ein moralisches Podest zu stellen und zu verkünden : Sterbehilfe ? Kommt gar nicht in Frage !
Ich prophezeie folgendes : Jeder Gegner der Sterbehilfe wird seine Meinung ändern, wenn er dem langsamen und schmerzhaften Sterben eines geliebten Menschen zugesehen hat.
Aber zurück zum eigentlichen Thema.

Der Tod und das Vergessen

Ich denke, dass der eigene Tod das totale Vergessen darstellt. Man vergisst, dass man jemals existiert hat. Wir vergessen zwar unsere glücklichen Momente, aber wir vergessen auch die traurigen und schmerzhaften Erinnerungen. Das was wir vergessen haben tut uns nicht mehr weh. Deshalb empfinde ich diesen Gedanken als sehr tröstlich.
Aber das ist nur meine Empfindung.
Vielen Menschen macht der selbe Gedanke große Angst.
Sie haben Angst davor, alles zu vergessen.
Sie haben Angst davor, sich selbst zu vergessen.
Vor allem aber haben sie Angst davor, vergessen zu werden.
Also müssen Denkmäler her.
Denkmäler in Form von Leistungen die möglichst viele, am besten alle, Menschen zur Kenntnis nehmen. Wenn wir Glück haben, dann profitiert die Menschheit von diesen Leistung sogar.

Die effektivste Methode sich selbst ein Denkmal zu setzen ist, möglichst viele Menschen zu töten.
So befremdlich das auch klingen mag, aber Terroranschläge sind in Wahrheit Denkmäler. Hierzu zwei Beispiele :
Der Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt.
Der vorsätzliche Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 am 24. März 2015 hat sich, zumindest in das deutsche, kollektive Gedächtnis eingeschlagen.
Die Welt kann gar nicht anders, sie muss es zur Kenntnis nehmen.
Terroristen sind eitel und geltungssüchtig. Um sich selbst unsterblich zu machen, müssen viele Menschen den Tod erleiden.1
Jetzt wird auch klar warum Siddharta Gautama ( 560 - 480 v. Chr. ) , auch als Buddha bekannt, sagte: "Begehren schafft Leiden."
Die einen begehren und die anderen müssen dafür leiden.

Auch die Vorstellung, dass der Mensch über eine unsterbliche, immaterielle Seele verfügen würde, ist in Wahrheit der Angst vor dem totalen Vergessen geschuldet. Das ewige Leben in einem, wie auch immer gearteten, Jenseits ist die ewige Erinnerung.

Wie sehr Menschen Angst vor dem Vergessen haben, kann man sehr schön an den ägyptischen Gräbern, Palästen und Pyramiden sehen. Sie sind der verzweifelte Versuch, das Vergessen aufzuhalten.

Das Leben an sich, könnte man als Kampf gegen das Vergessen betrachten. Jeder Organismus verfügt über eine DNA. Die DNA ist nichts anderes als ein Datenspeicher, dessen Information durch kopieren und vervielfältigen an die nächste Generation weitergegeben wird.

Umgang mit dem Tod

Ich finde, was uns fehlt ist ein kultureller Umgang mit dem Tod. Damit meine ich nicht die Kultur, die wir auf Friedhöfen, in Form von Skulpturen, finden.
Ich meine damit, die permanente Verdrängung des Todes aus unserem Bewusstsein. Der Tod ist Teil des Lebens, ob wir das nun Wahr haben wollen oder nicht. Wenn wir aber unsere eigene Sterblichkeit akzeptieren, dann stellen sich automatisch folgende Fragen :
"Was ist wirklich wichtig im Leben und was nur überbewertete, oberflächliche Petitesse ?
Was ist Sein und was ist nur Schein ?"
Viele Dinge würden dorthin gerückt werden, wo sie hingehören. Das soll nicht heißen, dass wir alle nur noch in schwarzer Kleidung und traurigen Gesichtern durch die Gegend schlurfen.
Es soll heißen, dass wir achtsamer und umsichtiger sein sollten im Umgang mit uns selbst, mit anderen und der Umwelt.
Wir sollten viel öfter dankbar sein und die Dinge nicht als Selbstverständlichkeit betrachten. Wir sollten demütiger sein und unsere Ansprüche zügeln.
Wir sollten aufhören, den Tod als etwas böses zu betrachten und ihn stattdessen als untrennbaren Teil des Lebens akzeptieren.

Tod und Leben

Ich habe meine Zweifel, ob es wirklich eine scharfe Trennlinie zwischen Leben und Tod gibt. Alle Atome aus denen sich mein Körper zusammensetzt, entstanden vor vielen Milliarden Jahren im Innern eines sterbenden Sterns. In einer gewaltigen Explosion wurden diese Atome in den interstellaren Raum hinaus geschleudert. Diese Atome trieben, in Form einer gigantischen Wolke, viele Millionen Jahre durch das All. Irgendwann kondensierte diese Wolke und bildete die Sonne und ihre Planeten, so wie wir sie kennen.

Irgendwann werde ich sterben und die Atome meines Körpers werden sich in anderen Lebewesen wieder finden. Insofern haben diese Atome tatsächlich eine Chance auf eine Art der "Wiedergeburt".
Irgendwann wird auch die Sonne sterben und in einer gewaltigen Explosion Materie ins All hinaus schleudern. Diese Materie wird vielleicht in einem anderen Sonnensystem Teil des Lebens werden.
Der Tod des einen hat das Leben des anderen erst ermöglicht.

Man unterscheidet zwischen belebter und unbelebter Materie. Wenn man ein Kohlenstoffatom aus meinem Körper entfernen und mit einem Kohlenstoffatom als einen Diamanten vergleichen würde, könnte man keinen Unterschied feststellen. Man könnte nicht sagen : "Dieses Kohlenstoffatom kommt aus einem Lebewesen und jenes Kohlenstoffatom stammt aus einem Diamanten."
Die meisten Atome in diesem Universum gehören der sogenannten "unbelebten Materie" an. Der Tod ist demnach der Normalzustand der Materie. Das Leben ist eigentlich der "anormale" Zustand.

Trotzdem lauern die Atome in diesem Universum überall auf eine Gelegenheit, sich zu verbinden und zu interagieren und so Leben aus sich selbst heraus zu erschaffen. Ich bin überzeugt davon, dass überall im Universum Leben existiert, sofern die Bedingungen nur günstig genug sind. Das Universum, in dem wir leben, will Leben aus sich selbst heraus erschaffen. Es wartet nur auf eine Gelegenheit.
In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch "Im Anfang war der Wasserstoff" von Hoimar von Ditfurth, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe.

Zum Abschluss ein Aphorismus von mir : Durch die Sterblichkeit wird das Leben und die Zeit uns bleibt erst wertvoll.


Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 19.7.2015

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Man muss nicht unbedingt viele Menschen töten. Es reicht schon aus den berühmtesten Menschen seiner Zeit zu ermorden. Siehe z. B. John Wilkes Booth, der am 14. April 1865 den Präsidenten Abraham Lincoln erschoss.
Eine weitere Methode mit dem Tod anderer Menschen berühmt zu werden besteht darin, wenige Personen besonders spektakulär zu ermorden und sich dann nicht erwischen zu lassen. Siehe hierzu "Jack the Ripper" 1888. Gerade dadurch, dass die Identität von "Jack the Ripper" bis heute unbekannt ist, wurde dieser Frauenmörder unsterblich.
Eine ganz andere Form der Denkmalsetzung ist das Produzieren von Kindern. Gerade eitle Menschen sind begeistert von der Idee, originalgetreue Kopien ihrer selbst herzustellen. Ein Irrglaube, angesichts der geschlechtlichen Vermehrung. Kinder sind niemals originalgetreue Kopien ihrer Eltern. Originalgetreue Kopien wären nämlich Klone.

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