Verachtung

Verachtung

Den folgenden satirischen Text schrieb ich für das gleichnamige PhotoVerachtung.

Verachtung

"Nein, mit denen da drüber wollen wir nichts zu tun haben.
Die sind ja so anders.
Die sind ja so fremd.
Die sind ja so unnormal.
Das macht uns Angst.
Die sind bestimmt böse, dreckig, dumm und krank.
Wir haben zwar noch nie mit denen da drüben gesprochen, aber wir wissen ganz genau wie die sind.
Jedenfalls bilden wir uns das ein und Einbildung ist schließlich auch eine Bildung.
Davon sind wir fest überzeugt.
Wir wissen zwar nichts genaues, aber alles besser.
Wir sind zwar dumm, aber dafür sind wir selbstsicher.
Die da drüben sollen Gefühle und Bedürfnisse haben ?
Nein, das können und wollen wir uns nicht vorstellen.
Wir sollen mit denen da drüben sprechen ?
Nein, wir wollen nicht mit denen da drüben sprechen.
Dann würden wir nur riskieren festzustellen, dass unsere Vorurteile falsch sein könnten.
Das darf nicht sein.
Wir pflegen unsere Vorurteile, damit sie blühen und gedeihen.
Wir sollen unsere Vorurteile ablegen ?
Nein, das kommt gar nicht in Frage.
Dann müssten wir uns an etwas neues gewöhnen und das ist uns viel zu anstrengend.
Außerdem brauchen wir doch einen Sündenbock, den wir für alles, was in unserer Gesellschaft schief läuft, verantwortlich machen können.
Die da drüben sind bestimmt an allem schuld.
Nur wir sind immer unschuldig.
Wir sind grundsätzlich NICHT verantwortlich für die Missstände in der Gesellschaft .
Wir sind selbstgerecht.
Wir grenzen die da drüben aus und sind beleidigt, weil sie sich nicht in unsere Gesellschaft integrieren wollen.
Wir verbieten denen da drüben die Berufstätigkeit und beschweren uns, wenn sie kriminell werden.
Wir halten die da drüben von Bildung fern und beschweren uns, dass sie ungebildet sind.
Wir versagen denen da drüben medizinische Versorgung und ekeln uns, wenn sie krank werden.
Wir stoßen die da drüben in die Gosse und verachten1 sie dafür, dass sie in der Gosse leben."

Nachwort

Es ist sehr leicht, jemanden zu verachten den man nicht kennt.
Es ist sehr leicht, seine eigenen Phantasien auf jemanden zu projizieren, den man nicht kennt.
Aber, man trampelt nicht ungestraft auf den Gefühlen und Bedürfnissen der Menschen herum.
Es kommt alles irgendwann zurück.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Ich habe den Eindruck, dass sehr viele Menschen
1. sehr leicht bereit sind andere Menschen zu verachten und
2. sehr gerne bereit sind andere Menschen zu verachten.
Denn wenn sie jemanden verachten können, fühlen sie sich selbst aufgewertet.

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