Vergebung

Vergebung

Vergebung

Am Mittwoch, dem 17.06.2015, betrat um 2100 Uhr Ortszeit ein junger Mann eine Kirche in Charleston/South Carolina und eröffnete das Feuer auf die Gläubigen. Neun Menschen starben in Folge dieses Attentats.

Am 20.06.2015 verkündeten die Angehörigen der Getöteten, dass sie dem Schützen vergeben würden.

Als ich diese zweite Meldung hörte, dachte ich spontan : " Hoppla, dass ging aber schnell.
Die Leichen wurden noch nicht beigesetzt,
die Trauerarbeit hat gerade erst begonnen,
der Täter ist noch nicht mal verurteilt
und die Angehörigen vergeben ihm jetzt schon ?"

Ich nehme an, dass die Angehörigen damit zum Ausdruck bringen möchten, dass sie bewusst auf Rache und Vergeltung verzichten wollen. Man will eine Eskalation der Gewalt schon im Keim ersticken.
Eine weise Entscheidung.

Trotzdem stellte sich mir eine Frage :

Wie kann man jemanden vergeben, der gar nicht um Vergebung gebeten hat ?

Eine Voraussetzung für Vergebung, ist doch die Reue des Täters. Die Voraussetzung für Reue ist die Einsicht des Täters in sein Verbrechen. Einem Täter zu vergeben, der weder Reue noch Einsicht zeigt, ist völlig sinnlos. Im Gegenteil. Der Täter denkt : "Na, wenn ich Vergebung so billig bekomme, dann kann ich ja weiter machen wie bisher." Und ein völlig verrohter Täter schert sich einen Dreck um die Vergebung seines Opfer.

Genauso sinnlos wäre es, wenn die Angehörigen des Täters stellvertretend um Vergebung bitten würden. Damit würde man nur dem Täter die peinlich Notwendig abnehmen, selbst um Vergebung bitten zu müssen.

Vergebung ist eine zweiseitige Angelegenheit. Auf der einen Seite die Bereitschaft der überlebenden Opfer zur Vergebung und auf der anderen Seite die tatsächliche Reue des Täters. Die Bitte um Vergebung muss vom Täter freiwillig und aus eigenem Antrieb erfolgen. Der Täter darf nicht zu diesem Schritt gezwungen oder genötigt werden, denn dann wäre die Bitte um Vergebung nur geheuchelt. Geradezu gefährlich wäre es, dem Täter eine Belohnung, in Form eines Straferlasses, in Aussicht zu stellen. Auf dieses Weise bekommt man zwangsläufig viele "reuige" Täter, von denen keiner wirklich bereut.

Ohne Einsicht und Reue auf Seiten des Täters ist Vergebung nicht möglich. Wer etwas anderes behauptet, belügt sich selbst oder verwechselt Vergebung mit Abfindung.1 Wenn der Täter aber tatsächlich Einsicht in sein Verbrechen entwickelt und Reue empfindet, dann kann es sein, dass sich der Täter selbst nicht vergeben kann und vielleicht sogar Suizid begeht. Das nennt man dann "ein schlechtes Gewissen haben". Aber dazu muss man erst einmal ein Gewissen haben.

Keine Empathie - kein Gewissen.
Kein Gewissen - keine Reue.
Keine Reue - keine Vergebung.

Die Begriffe

- Rache
- Vergebung
- Verständnis

dürfen nicht mit einander verwechselt oder in einen Topf geworfen werden.

Dem Täter nicht vergeben zu können, bedeutet noch lange nicht, Rache an dem Täter nehmen zu wollen.
Der Verzicht auf Rache, bedeutet noch lange nicht, dem Täter zu vergeben.
Den Täter zu verstehen, bedeutet noch lange nicht, dem Täter zu vergeben. Verständnis kann dabei helfen dem Täter zu vergeben.
Den Täter zu verstehen, bedeutet noch lange nicht, die Verbrechen des Täters zu entschulden.

Dem Täter zu vergeben erfordert von den überlebenden Opfern große Kraft. Die Opfer brauchen aber Kraft und Zeit um mit ihrem Kummer und Schmerz fertig zu werden. Diese Kraft und Zeit sollten sich die Opfer auch nehmen. Erst wenn die Opfer ihre Trauer verarbeitet haben, sind sie in der Lage dem Täter zu vergeben. Das ist dann immer noch schwer genug.2

Vergebung kann nicht erzwungen werden, sondern nur erbeten. Vergebung muss eine freiwillige Entscheidung der überlebenden Opfer sein.

Man sagt : "Die Zeit heilt alle Wunden."
Ich kann diesem Aphorismus nur teilweise zustimmen. Es gibt Wunden, die so groß und tief sind, dass selbst die Zeit sie nicht vollständig heilen kann. Aber die Zeit macht diese Wunden erträglicher.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 20.6.2015

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Jedes überlebende Opfer muss sich mit den Ereignissen abfinden, egal es nun Rache nimmt oder nicht, egal ob es dem Täter vergibt oder nicht. Egal was das Opfer tut oder lässt, es ändert an den Geschehnissen rein gar nichts mehr, weil sie nicht rückgängig zu machen sind.

2 Vergebung ist ein intimer Vorgang zwischen Täter und dem überlebenden Opfer. Deshalb ist es so schwer für die Opfer ihrem Täter zu vergeben. Instinktiv will man demjenigen, von dem man verletzt worden ist, nicht noch einmal begegnen, nicht zum wiederholten Male Opfer werden. Verständlicherweise !
Jetzt wird auch klar, warum manche Opfer nach Rache und Vergeltung schreien : Die Täterrolle ist leichter zu ertragen, als die Opferrolle.
Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Rache sinnlos wäre. Rache hat einen kurzfristigen Sinn :

1. das Opfer befreit sich aus seiner Opferrolle.
2. Rache ist eine Form der Trauerarbeit.

Langfristig betrachtet ist das zwangsläufig katastrophal, weil so das Pendel aus Vergeltung und Gegenvergeltung anfängt zu schwingen.
Auge um Auge.
Zahn um Zahn.
Wer nach diesem Motto handelt, wird am Ende blind und zahnlos sein.

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