Vorurteil

Vorurteil

Ein Vorurteil kann sowohl positiv als auch negativ sein. Ein positives Vorurteil ist zum Beispiel die Ansicht, dass die Deutschen fleißig, pünktlich und ordentlich seien. Mit Sicherheit gibt es Deutsche, die diesem Klischee entsprechen, aber aus der Praxis wissen wir, dass das nicht auf alle Deutsche zutrifft. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Deutschen kein Monopol auf Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung besitzen. Andere Nationen können das auch.

In diesem Aufsatz will ich aber auf die boshafte Seite des Vorurteils eingehen.

Ein Vorurteil ist eine Verurteilung

  • ohne Staatsanwalt, der offiziell Klage erhebt
  • ohne Verteidiger, der die Interessen des Angeklagten vertritt
  • ohne Richter, der die Beweismittel interpretiert und Verantwortung zuweist
  • ohne die Möglichkeit der Revision
  • ohne objektive Distanz

Der Vorverurteilte hat keine Möglichkeiten der Verteidigung. Er soll auch gar keine Möglichkeit haben, denn das Vorurteil ist der erste Schritt zur Ausgrenzung. Der Vorverurteilte wird über das Urteil, das über ihn gefällt wurde, nicht informiert. Es geschieht alles hinter dem Rücken des Vorverurteilten. Aber die Auswirkungen bekommt er in Form von Diskriminierungen zu spüren.

In der "Allport-Skala" von Gordon Allport1 werden die eskalierenden Stufen der Diskriminierung wie folgt beschrieben :

1. Verleumdung, abschätzige Bemerkungen : "Ihr seid alle minderwertig. Ihr seid doch alle gleich. Ihr seid gar keine Menschen."*
2. Vermeidung : "Mit euch wollen wir nichts zu tun haben. Mit euch sprechen wir nicht. Aber wir beschimpfen euch gerne aus der Anonymität des Internets heraus." *
3. Diskriminierung : "Ihr dürft hier nicht arbeiten. Ihr dürft hier nicht wohnen. Ihr dürft keine Bildungseinrichtungen nutzen. Eure Rechte werden abgeschafft." *
4. Körperliche Gewaltanwendung : Prügelattacken, Menschenjagd, Vergewaltigung, Anzünden von Flüchtlings- und Asylbewerberheimen.
5. Vernichtung : Lynchjustiz, Pogrome, Holocaust.

* Wörtliche Rede von mir.

Anmerkung zu Punkt 1. der Allport-Skala : Aus diesem Grund halte ich das menschliche Maulwerk für die schlimmste aller Massenvernichtungswaffen, denn mit der Verleumdung fängt alles an. Diskriminierung beginnt im Alltag mit kleinen Boshaftigkeiten und endet mit Mord. Worte können sehr wohl tödlich sein. Vor dem Mord steht immer das Wort !

Weil Vorurteile nirgendwo schriftlich festgehalten werden, ist es so schwer, dagegen vorzugehen. Vorurteile sind stillschweigende Absprachen: "Wir wissen ganz genau, wie die da drüben sind. Wir wissen nichts genaues, aber alles besser. Beweise brauchen wir nicht." Alles was der Vorverurteilte sagt oder macht, wird grundsätzlich nur negativ bewertet, Ereignisse werden maßlos dramatisiert und entlastende Beweise werden ignoriert.
Hier heißt es : "In dubio contra reum."
( lat. : Im Zweifel gegen den Angeklagten. ) Viele Menschen bleiben starr bei ihrem Vorurteil, ohne dieses an der Realität auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Erst der Starrsinn macht Vorurteile so richtig schlimm, weil sie dadurch endgültig werden.

Es gibt Menschen, die sehr schnell mit dem Verurteilen bei der Hand sind. Das sind Personen, die in Wahrheit ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben. Sie verurteilen gerne vermeintlich "minderwertige" Menschen, damit sie sich selbst als "hochwertig" erleben können. Sie brauchen jemanden den sie verachten können. Aus diesem Verhalten entsteht dann Rassismus. Rassisten hegen und pflegen ihre Vorurteile, weil sie darüber ihren Selbstwert definieren und ihr menschenverachtendes Verhalten rechtfertigen. "Ich bin was besseres als du und deshalb darf ich dich wie Dreck behandeln." In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen meine Satire Verachtung und meinen AufsatzFremdenängstlichkeit.

Vorurteile können einzelne Personen, Gruppen, Bevölkerungsschichten, Nationen, Gegenstände und sogar Tiere treffen.2 Selbst Gott ist nicht sicher vor Vorurteilen. Gott wird immer unterstellt, dass er männlichen Geschlechts sei. Aber auch die Unterstellung, Gott sei weiblichen Geschlechts ist ein Vorurteil. Beide Vorurteile müssen falsche sein, denn ein allmächtiges und unsterbliches Lebewesen hat gar keine Verwendung für Geschlechtsorgane.
Aber zurück zum Thema.

Dass es so viele Vorurteile in der Welt gibt, liegt wohl auch daran, dass wir alles was uns im Leben begegnet, ständig beurteilen. Manche Dinge mögen wir, manche nicht. Manche Menschen mögen wir, andere nicht.
Da es überall in der Welt Gefahren gibt, sind wir ständig gezwungen, unsere Umwelt zu beobachten und zu bewerten. Diese Bewertungen ( was ist gefährlich, was nicht ? ) müssen manchmal sehr schnell getroffen werden. Zögern könnte tödlich sein. Ein sorgfältiges Urteil ist da gar nicht möglich. In Wahrheit steht hinter jedem negativen Vorurteil die blanke Angst. Das Vorurteil soll denjenigen, der es fällt, vor einer vermeintlichen Gefahr schützen.

Aber ein Vorurteil kann auch anders entstehen. 2003 bin ich in einem hessischen Kurort auf der Straße einem Mann begegnet. Ich sah ihn schon von weitem. Er wäre mir nicht weiter aufgefallen, wenn er nicht getorkelt wäre. Mein erster Gedanke war, dass dieser Mann betrunken sei. Aus diesem Grund wechselte ich die Straßenseite.

Ich werde nie erfahren, ob dieser Mann nun tatsächlich betrunken war oder ob er vielleicht eine Nervenerkrankung wie ALS3 hatte. Vielleicht habe ich diesen Mann vorverurteilt, vielleicht aber auch nicht. Mein Selbstschutz war mir damals wichtiger als ein gerechtes Urteil.
Zu meiner Verteidigung möchte ich folgendes Anmerken : Ich musste meine Kindheit unter einem alkoholsüchtigen Vater verbringen, was mir sehr geschadet hat. Auf den Kontakt zu einem Betrunkenen lege ich deshalb absolut keinen Wert.

Diese Episode zeigt, wie schnell man selbst ein Vorurteil fällen kann, selbst wenn man das gar nicht unbedingt will. Die Welt ist voller Vorurteile; die meisten davon sind unbewusst.

Wenn man keine Vorurteile fällen will, muss man sich selbst in Frage stellen.

  • Welche Vorurteile habe ich selbst anderen gegenüber ?
  • Stimmen meine Beurteilungen über bestimmte Menschen eigentlich ?
  • Gibt es nicht noch andere Erklärungen ?
  • Gibt es Sachverhalte, von denen ich nichts weiß ?

Wer gerecht sein will, hat eine Menge zu tun. Aber es gibt Menschen, die wollen gar nicht gerecht sein; sie wollen nur ihre Interessen durchsetzen. Und dann gibt es Menschen, die einfach nur denkfaul sind. Siehe hierzu bitte meinen AufsatzBosheit und Bequemlichkeit.

Man sollte mit Vorurteilen schon deshalb vorsichtig sein, weil man selbst ganz schnell zum Opfer von Vorurteilen werden kann.4

Der Legende nach soll am Eingang des Tempels von Delphi die Inschriften "Erkenne dich selbst" gestanden haben.5
Mit dieser Aufforderung beende ich meinen Aufsatz.

Mein Name ist Stephan Potratz

und das ist meine Meinung

hier aufBienenvilla.com

Köln, 12.08.2016

Anmerkungen und Ergänzungen

1 Gordon Allport ( US-amerikanischer Psychologe, geboren 11 November 1897; gestorben 9. Oktober 1967 )

2 Bekannte Vorurteile sind:

  • Beamte sind langsam.
  • Lehrer sind faul.
  • Psychologen und Psychotherapeuten sind selbst verrückt.
  • Der Fachverkäufer heißt nur deshalb Fachverkäufer, weil er in der Lage ist die Ware aus dem Fach zu ziehen.
  • Arbeitslose wollen nicht arbeiten.
  • psychische Erkrankungen sind nur billige Ausreden.
  • Blondinen sind dumm.
  • Männer denken nur an Sex.
  • Holländer sind ein Nomadenvolk, das in schwimmfähigen Wohnwägen lebt.
  • Der Vogel Strauß steckt bei Gefahr seinen Kopf in den Sand.
  • Die Juden sind an allem Schuld. ( Der Universal-Sündenbock )

3 Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems.

4
Matthaeus 7:1 "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet."
Matthaeus 7:3 "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?"
Jakobus 4 :12 "Wer bist du, dass du über deinen Nächsten richtest ?"

5 Siehe hierzu "Orakel von Delphi".

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